Kottbusser Tor : Grün gegen Grün: Ärger für Kreuzbergs Bürgermeister

Am Kottbusser Tor eskaliert der Kampf gegen Drogen: Kreuzbergs Bezirkschef Franz Schulz will eine Fixerstube in einem Wohnhaus.

Ferda Ataman

Der Konflikt um die Drogenszene am Kottbusser Tor spitzt sich politisch zu: Die Bewohner eines Hauses in der Kottbusser Straße sind empört, weil sie über einen Bericht im Tagesspiegel erfahren haben, dass Bezirksbürgermeister Franz Schulz (Grüne) einen Drogenkonsumraum in ihrem Haus einrichten will. Im unteren Stockwerk des ehemals besetzten Hauses werden demnächst die Betreiber eines kurdischen Cafés ausziehen – laut Schulz „der ideale Raum“ als Anlaufstelle für Drogenabhängige in Aussteigerprogrammen.

„Das geht doch nicht, so etwas öffentlich anzukündigen, ohne vorher mit uns gesprochen zu haben“, sagt eine Sprecherin der Hausbewohner, die sich als Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR) zusammengetan haben. Darunter sind viele Migranten. „Die meisten hier sind linksalternative Menschen, viele stehen den Grünen nahe“, so die Sprecherin. Doch die rigorose Ankündigung von Schulz habe sie „enttäuscht“. In Mitte würde sich ja auch keine Verwaltung anmaßen, über die Köpfe der Betroffenen hinweg so etwas anzuraten. Und außerdem habe man bereits einen Nachmieter für den Raum, der in zwei Wochen frei werde.

Der Bezirksbürgermeister dagegen ist mit sich völlig im Reinen: Die offizielle Anfrage an die Hausbewohner habe er am Montag abgeschickt, sagt Schulz. Er habe nun mal „allergrößte Schwierigkeiten“, einen Raum für die Drogenkonsumenten in Kreuzberg zu finden, und er erwarte von grünen Parteimitgliedern, dass sie mit Blick auf das drogenpolitische Rahmenprogramm der Partei prüfen, ob eine solche Einrichtung bei ihnen möglich sei.

Einer der Eigentümer im GbR-Haus ist aktiv bei der „Bürgerinitiative Kottbusser Tor“ – für den Bürgermeister ein Argument, um die Hausbewohner in die Enge zu treiben: „Wenn diese Leute den fehlenden Fixerraum beklagen, dann müssen sie auch prüfen, ob ihre eigenen Gewerberäume infrage kommen“, sagt Schulz. Der Angesprochene ist Hasan Togrulca, ein Kreuzberger Vater mit zwei Kindern, der sich seit einigen Wochen der Bürgerinitiative angeschlossen hat. „Unser Hauptanliegen ist doch nicht eine neue Fixerstube“, sagt Togrulca, „das ist keine Lösung.“ Er bietet Bürgermeister Schulz eine Führung am Kotti an, um ihm zu zeigen, wie die bittere Realität aussieht. „Spritzen und Urin, überall.“ Togrulca ist enttäuscht vom Bürgermeister, der offenbar nicht bereit ist, hier eine Lösung zu finden und stattdessen eine Fixerstube in einem Mehrfamilienhaus einrichten will.

„Im Görlitzer Park und am Gleisdreieck stehen ehemalige Bahnhofsgelände leer, warum kann denn da nicht eine Lösung mit medizinischer Versorgung gefunden werden?“, fragt er. Doch Togrulca weiß, dass am „Görli“ der Bürgermeister höchstpersönlich wohnt.

Inzwischen meldet sich der Bundesvorsitzende der Grünen, Cem Özdemir, zu Wort, der in der Nähe des Kottbusser Tors wohnt. Er werde immer wieder auf das Drogenproblem am Kotti angesprochen. „Ich sehe meine Rolle nicht als Parteivorsitzender, sondern als Anwohner, der versucht, eine Konfrontation abzuwenden und die verschiedenen Seiten zusammenzubringen“, sagt er dem Tagesspiegel. Es könne nicht angehen, dass hier die eine Minderheit, nämlich die Drogenabhängigen, gegen die andere Minderheit, die Migranten, ausgespielt werde. „Es muss eine Lösung unter Einbeziehung der Anwohner gesucht werden“, sagt er in Richtung seines Parteikollegen Schulz.

Außerdem sei Özdemir verwundert, dass die autonomen Linken gegen die Bürgerinitiative demonstrierten und sie „Yuppies“ nannten. „Wie darf man das verstehen?“, fragt Özdemir: „Solange die Eltern kein Deutsch können und sich nicht wehren, ist alles okay, aber sobald sich manche zum ersten Mal in ihrem Leben organisieren, sind sie gleich Yuppies, oder wie?“ Käme das Argument von einer anderen Seite, könnte man das als Rassismus bezeichnen, so der Politiker.

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