Berlin : Krach um Autolärm und gesunden Schlaf

Pro & Contra: Soll in der Innenstadt nachts Tempo 30 gelten? Eine neue Studie legt es nahe, doch es gibt auch viele Gegner

Jörn Hasselmann

Autofahren macht Lärm. Und Lärm macht krank. Doch über die Konsequenzen dieser Feststellungen gibt es unüberbrückbare Gegensätze. Dabei steht fest: In der Großstadt Berlin leiden 250 000 Menschen tagsüber unter Krach, nachts sind es 320 000, die meisten in der Innenstadt. Der ökologisch ausgerichtete Verkehrsclub Deutschland (VCD) forderte jetzt mehr Tempo 30 in der Stadt – und zwar nachts auch auf Hauptverkehrsstraßen. Schon jetzt gilt auf etwa 75 Prozent der Straßen Tempo 30. Gerade nachts, wenn eigentlich wesentlich weniger Autos rollen, könne das auch auf Hauptstraßen den Lärm reduzieren, heißt es beim VCD. Unsinn, konterte der ADAC, Tempo 30 bringe nur wenige Dezibel Entlastung, Flüsterasphalt müsse her, der bringe mehr. Letzterem stimmt der VCD zu, doch angesichts der Berliner Finanzlage ist das eine utopische Forderung. Die Bezirke haben nicht einmal mehr Geld, um Schlaglöcher zu flicken.

Vorteil des VCD-Vorschlags: Er kostet nichts, außer ein paar Schildern. Doch Zweifel an der Wirksamkeit hat auch der Tüv. Denn nahezu alle Autofahrer schalten bei Tempo 30 in den zweiten Gang – und das macht dann genau so viel Krach wie Tempo 50. Wie man den Berliner Autofahrer zu einer leiseren, vorausschauenden und damit ökologischeren Fahrweise erziehen kann, weiß der Tüv nicht zu sagen. Denn das Gegenteil ist Normalität: rasantes Beschleunigen, abruptes Bremsen, allgemein zu hohes Tempo. Wenige moderne Fahrschulen lehren die schonende Fahrweise.

Kürzlich hatte der Senat angekündigt, Tempo 30 auch auf Hauptstraßen zu prüfen. Denn bekanntlich plant die EU, die Lärm- Grenzwerte zu verschärfen – und diese würden auf vielen Straßen überschritten, befürchtet der Senat. Anwohner könnten klagen und Einschränkungen durchsetzen. „Mit einer Temporeduzierung erhalten wir eine erhebliche Lärmminderung“, hatte Friedemann Kunst aus der Verkehrsverwaltung den Vorstoß begründet. Genannt wurden für Tempo 30 die Müller-, Brunnen-, Boxhagener und Hermannstraße sowie der Kottbusser Damm.

Einen Zeitplan gibt es jedoch noch nicht. Vorangegangen war ein Test mit Tempo 30 in der Beusselstraße in Moabit, der nach Angaben von Verkehrsstaatssekretärin Maria Krautzberger erfolgreich war: Weniger Lärm, weniger Dreck. Noch eine Erfahrung aus diesem Test: Die Autofahrer haben Tempo 30 schließlich akzeptiert – aber erst nachdem die Polizei dort immer wieder geblitzt hatte.

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