Kraftwerk : Vattenfall gibt Gas statt Kohle

Offiziell ist noch gar nichts, aber die Gegner jubeln: Michael Schäfer, Energiefachmann der Grünen, verkündet freudig: "Wir haben die gesicherte Info, dass das neue Kohlekraftwerk in Rummelsburg tot ist." Vattenfall plant offenbar ein klimafreundlicheres Kraftwerk.

Stefan Jacobs

Offiziell ist noch gar nichts, aber die Gegner jubeln: Michael Schäfer, Energiefachmann der Grünen, tritt strahlend von einem Bein aufs andere, als er am Montagmorgen verkündet: „Wir haben die gesicherte Info, dass das neue Kohlekraftwerk in Rummelsburg tot ist.“ Er beruft sich auf Informationen, die von Vattenfall durchgesickert seien. Später bestätigt Andreas Jarfe, Landesgeschäftsführer des Umweltverbandes BUND: „Aus verlässlichen Vattenfall-Kreisen“ wisse er, dass der Konzern sich für ein Erdgaskraftwerk als Alternative entschieden habe. Und fügt vorsichtshalber hinzu: „Wir hoffen, dass das nicht nur ein lokales, kurzfristiges Umdenken ist, sondern dass Vattenfall sieht, dass neue Kohlekraftwerke politisch nicht mehr durchsetzbar sind.“

Vattenfall dagegen gibt sich wortkarg: „Wir beteiligen uns nicht an Spekulationen“, sagt Sprecher Olaf Weidner. Ein Energieversorgungskonzept für Berlin werde „in wenigen Tagen fertiggestellt“, dann zunächst der Politik und „ganz zeitnahe“ der Öffentlichkeit präsentiert.

Die Öffentlichkeit war es offenbar, die Vattenfall – sofern die Nachricht der Kritiker stimmt – zum Umdenken bewogen hat. In Lichtenberg, wo rund um die Rummelsburger Bucht mit vielen Millionen öffentlicher und privater Gelder ganz neue Stadtviertel entstanden sind, ist längst eine Bürgerinitiative aktiv. Ein breites Bündnis namens „Klima-Allianz“ erwog ein Volksbegehren gegen das Projekt. Und die Grünen wollten gerade die nächste Stromwechselkampagne starten.

Global geht es allen zunächst um den Kohlendioxidausstoß: In der ursprünglich geplanten Größe hätte das Kraftwerk mehr als vier Millionen Tonnen CO2 pro Jahr in die Luft geblasen – fast ein Fünftel der gesamten Berliner Emissionen. Gas erzeugt bei gleicher Energieausbeute nur knapp halb so viel CO2 wie Steinkohle.

Lokal ging es den Gegnern neben dem Schadstoffausstoß des Kraftwerkes auch um die weithin sichtbare Stadtverschandelung durch einen mehr als 100 Meter hohen Kühlturm. Letzterer könnte aber auch bei einem Gaskraftwerk nötig sein. Und dass es ganz ohne Ersatz für das heutige – wegen seiner Braunkohlebefeuerung besonders klimaschädliche – Kraftwerk nur schwer geht, wissen auch die Gegner: Klingenberg (alt) liefert Fernwärme für etwa 400 000 Berliner. Und die kann – im Gegensatz zum gleichzeitig erzeugten Strom – nicht von außerhalb in die Stadt transportiert werden.

Einer der Ersten, die von Vattenfall informiert werden sollten, ist Wirtschaftssenator Harald Wolf (Linke). „Ich teile die Einschätzung, dass Vattenfall sich davon verabschiedet, an der Rummelsburger Bucht ein neues Kohlekraftwerk zu bauen“, lautet sein Kenntnisstand. Umweltsenatorin Katrin Lompscher (Linke) wagt dagegen noch kein Fazit. Auch der Lichtenberger Baustadtrat Andreas Geisel wartet ab: „Würde mich freuen, wenn es so käme“, sagt der Sozialdemokrat, der just für diesen Dienstag (18 Uhr, Taut-Aula) zu einer Bürgerversammlung eingeladen hat. Dabei soll es vor allem um den Bebauungsplan gehen, mit dem die Bezirksverordneten einen Neubau mit Kühlturm verhindern wollen – was Geisel für rechtlich fraglich hält.

Theoretisch ließen sich große Teile der Stadt auch mit hausgemachter Öko- Energie versorgen. Die Berliner Stadtgüter, die rund 17 000 Hektar Land im Speckgürtel – darunter viele kontaminierte Ex-Rieselfelder – besitzen, haben kürzlich das Potenzial für Energie aus Wind, Sonne und schnell wachsendem Holz untersuchen lassen. Das Ergebnis: Der Strom würde für 775 000 Menschen reichen. „Selbst wenn nur die Hälfte davon realisiert wird, wäre das gewaltig“, sagt Stadtgüter-Geschäftsführer Peter Hecktor. Der Anfang ist bereits gemacht: In Großbeeren am südlichen Berliner Ring sollen zu drei vorhandenen 29 neue Windräder hinzukommen, in Staaken an der Stadtgrenze wird eine große Solarstromanlage errichtet, fürs östlich Berlins gelegene Vogelsdorf gebe es ähnliche Pläne. Betrieben werden die Anlagen von Privaten – und das Land verdient über Pacht und Gewinnbeteiligung mit.

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