Kraniche : Am Schnabel der Welt - vor fünf Jahren

Vor fünf Jahren war der Zug von Kranichen und Wildgänsen ein unvergessliches Naturschauspiel . Was Claus-Dieter Steyer darüber schrieb.

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Start- und Landebahn. Besonders zahlreich sind die Kraniche in der Gegend von Linum. Naturschützer bitten hier um besondere Rücksicht, damit die Tiere nicht beim Fressen und Schlafen gestört werden. Foto: Nestor Bachmann/dpa
Start- und Landebahn. Besonders zahlreich sind die Kraniche in der Gegend von Linum. Naturschützer bitten hier um besondere...Foto: dpa

Der Aufstieg auf den Kirchturm ist beschwerlich. Eine Wendeltreppe mit 118 schmalen Stufen führt hinauf auf die Spitze, statt eines Geländers gibt es nur ein Seil, an dem die Besucher halbwegs Halt finden. Doch das Schauspiel, das sich den Turmbesteigern oben bietet, entschädigt für alles: Den Vorbeiflug tausender Kraniche am Oderstädtchen Gartz, 130 Kilometer nordöstlich Berlins.

Zu sehen sind die majestätischen Formationen der Zugvögel zwar auch andernorts in Brandenburg, und das bis Mitte November . „Aber nur bei uns kommen Sie den Kranichen ganz nah und können sogar in ihr Schlafquartier schauen“, sagt ein Mitglied der Gartzer Kirchengemeinde. Dieser Vorzug hat sich herumgesprochen. Viele Touristen, die sich wegen der noch bis Sonntag laufenden Kranichwoche in den Nationalpark Unteres Odertal auf den Weg gemacht haben, entschieden sich gezielt für den Besuch des Kirchturms.

Nach kurzer Wartezeit tauchen am Horizont die ersten schwarzen Punkte auf. „Sie kommen“, freut sich eine Besucherin aus Berlin. Mit strahlenden Augen tippt sie ihren Mann an, der ihr das Fernglas reichen soll. Die anderen Vogelfreunde drängen sich um die beiden stationären Fernrohre. Doch auch mit bloßem Auge sind die keilförmigen Flugbilder auszumachen. Der typische Trompetenruf dringt kilometerweit herüber. Ein unvergessliches Bild bietet sich, wenn die Vögel vor dem Lichtschein der 20 Kilometer Raffinerie in Schwedt vorüberziehen. Nur noch als lange Kette von schlanken Pfeilen erscheinen die Formationen. Einige Minuten später schlagen die Kraniche mit ihren großen Flügeln, um ganz sanft hinter der Oder im seichten Wasser zu landen. Zufrieden machen sich die Beobachter nach einer Stunde an den Abstieg ins inzwischen dunkle Gartz.

In der „Pommernstube“ fällt es nicht schwer, andere Kranichbegeisterte auf Anhieb zu erkennen. Wie nach einem erfolgreichen Angler- oder Jagdausflug geraten die Vogelfreunde über den besten Platz ins Schwärmen. „Man braucht sich nur auf den Oderdeich stellen und den Kopf nach oben zu recken“, erzählt ein junger Mann. Ein anderer schwört auf die Bundesstraße 2 kurz vor Gartz. Da stünden die Vögel wie zum Greifen nahe. Nur aussteigen sollte man nicht. Dann sei der ganze Spaß schnell vorbei.

Der Chef von Brandenburgs einzigem Nationalpark, Dirk Treichel, kennt natürlich den besonderen Reiz des Odertals. „Auf deutscher Seite stärken sich die Kraniche tagsüber auf den Äckern und Wiesen, und zum Schlafen ziehen sie die leicht unter Wasser stehenden Flächen am polnischen Oderufer vor. Deshalb gibt es bei uns diese beeindruckenden Überflüge.“ Erst von Kälte und Schnee werden die letzten Kraniche vertrieben, die dann nicht mehr genug Nahrung finden. So reisen die letzten Exemplare manchmal erst im Dezember oder gar erst Anfang Januar in den Süden ab. Auch in den anderen großen Kranichrevieren im Rhinluch bei Linum, im Luckauer Becken, im Spreewald oder am Gülper See im Havelland überwintern die Tiere nur in Ausnahmefällen.

Im nordwestlich Berlins gelegenen Rhinluch, das an jedem Wochenende Ziel von tausenden Ausflüglern ist, zeigt sich möglicherweise ein neuer Trend. Vogelbeobachtung ist „in“ – in den USA ist sie inzwischen die beliebteste Beschäftigungen unter freiem Himmel. Auch in Großbritannien ist das Ganze bereits eine Massenbewegung.

Im Unteren Odertal ist davon zum Glück noch nichts zu spüren. Rund um den Gartzer Kirchturm hält sich der Andrang von Vogelfreunden noch in engen Grenzen.

Der Beitrag erscheint in unserer Rubrik "Vor fünf Jahren"

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