Berlin : Krank oder nicht krank – das ist hier die Frage

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Von Jan-Martin Wiarda

Die Berliner Betriebskrankenkasse (BKK) stuft mindestens 139 Ärzte in der Stadt als besonders auffällig ein, was die Zahl der von ihnen ausgestellten Krankschreibungen angeht. Einer Querschnittsstudie zufolge liegen sie mindestens 30 Prozent über dem Durchschnitt der 6700 in Berlin zugelassenen Ärzte. „Wir haben die Betreffenden zum Teil angeschrieben und um Stellungnahme gebeten, ob ihr Verhalten nicht zu Lasten der Solidargemeinschaft geht“, sagt BKK-Sprecher Horst Engelhardt. Die BKK-Zahlen erhalten zusätzliche Brisanz durch den Gesundheitsreport 2002 der Deutschen Angestellten Krankenkasse (DAK), den diese vor einigen Tagen vorgelegt hatte.

Demnach schreiben in keinem anderen Bundesland Ärzte ihre Patienten so häufig krank wie in Berlin: 4,8 Prozent der Berliner DAK-Versicherten waren im vergangenen Jahr pro Arbeitstag arbeitsunfähig, gegenüber 3,5 Prozent im Bundesdurchschnitt. Die Krankenkassen werfen den Ärzten deshalb eine zu laxe Krankschreibepraxis vor und wollen schärfere Kontrollen. „Kein Betrüger soll sich sicher fühlen können,“ sagt Andreas Kniesche, Pressesprecher der Berliner Ersatzkassen.

Sowohl Kniesche als auch Engelhardt befürworten eine stärkere Einbindung des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK), der für die Begutachtung fragwürdiger Krankschreibungen – bislang allerdings meist erst ab der sechsten Krankheitswoche – zuständig ist. „Mir ist allerdings bekannt, dass es beim MDK schon jetzt gewisse Wartezeiten gibt“, sagt Engelhardt. Daher halte er es für sinnvoll, die Kapazitäten des MDK so auszuweiten, dass eine Begutachtung aller Zweifelsfälle wirklich möglich sei. Kniesche sieht das genauso: „Sie soll so intensiv sein, wie jetzt schon die Verschreibung von teuren Medikamenten überwacht wird.“

Christian Zimmermann, Präsident des Allgemeinen Patienten-Verbands, sieht die Ursache der hohen Rate von Arbeitsunfähigen auch in der starken Konkurrenz unter den Ärzten in einer Großstadt. „Man kann in Berlin bald wirklich vom Hausarzt sprechen, weil in jedem Haus ein Arzt sitzt.“ Hinzu komme, dass ein Arzt, der sich neu niederlasse, im Schnitt Investitionen von 150000 Euro und mehr aufbringen müsse. „Das zwingt ihn dazu, eine schnelle Medizin zu betreiben und um Patienten zu werben. Wenn ein Arzt also besonders viel krankschreibt, verhält er sich individuell rational – der Allgemeinheit aber schadet er.“

Angelika Prehn, Hausärztin in Friedrichshain, kritisiert die Pläne der Krankenkassen als drohende Bevormundung. „Ich fühle mich beobachtet und ungerecht behandelt“, sagt sie. „Ich gehe ja auch nicht zu den Kassen und sage, dass sie Geld verschwenden.“ Natürlich spiele die Situation in der Großstadt eine Rolle, aber auf ganz andere Weise, als es Krankenkassen und Patienten-Verband nahelegten: „Nehmen Sie Friedrichshain. Jeder vierte hier ist arbeitslos, viele macht das psychisch krank.“

Kniesche und Engelhardt dagegen loben die Abschreckungserfolge des MDK, die ihrer Meinung nach das beste Argument für schärfere Kontrollen sind: Rund 60000 krank geschriebene Patienten hat der MDK im vergangenen Jahr zur Begutachtung eingeladen. 24000 der Angeschriebenen meldeten sich daraufhin bei ihrem Arbeitgeber als gesund zurück. Dass die allesamt Blaumacher waren, bezweifelt aber selbst der MDK.

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