Krankenhaus Charité : Rettung auf der Stelle

Bei jeder Panne steht die Charité gleich unter Generalverdacht. Dass sie zu stark gewachsen ist. Kaputt gespart wurde. Und zu einer Gefahr für ihre Patienten geworden ist. Jetzt wird mal wieder an Europas größter Uniklinik herumgedoktert.

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Spitzenmedizin oder Überlastung? Das Charité-Klinikum in Mitte.
Spitzenmedizin oder Überlastung? Das Charité-Klinikum in Mitte.Foto: Mike Wolff

Ein knallroter Punchingball, so groß wie eine Tischlampe, steht auf dem Schreibtisch von Silke Wika, gleich neben dem Computer. Sie hat sich den Ball zu Weihnachten geschenkt. Einmal am Tag schlägt Wika auf den Ball. Mindestens. Dann, wenn ihr wieder mal alles zu viel wird. Am liebsten hätte sie einen Boxsack gekauft.

Aber ein Boxsack passt nicht in das Büro von Silke Wika, der Krankenschwester seit 30 Jahren. Sie leitet die Kinderrettungsstelle der Charité, außerdem zwei weitere Stationen, sie ist verantwortlich für 53 Schwestern und Pfleger. Kein leichter Job. Erst recht nicht, seitdem große Krankenhäuser wie Konzerne funktionieren – „die Ökonomisierung der Medizin ist Realität“, sagte Karl Max Einhäupl, der Vorstandschef, auf dem Neujahrsempfang Ende Januar. Erst recht nicht seit Einführung der Fallpauschale vor neun Jahren.

Seitdem bekommen die Krankenhäuser pro Behandlung Geld und nicht mehr pro Liegetag. Seitdem steigt die Zahl der Patienten ständig, an der Charité jährlich um drei Prozent. Weil gleichzeitig gespart werden musste, damit der Krankenhauskonzern endlich schwarze Zahlen schreibt, wurden Stellen gestrichen. Wie viele, das will kein Verantwortlicher genau sagen. Jeder, den man in der Charité fragt, bestätigt aber, dass die Arbeitsbelastung für das Pflegepersonal in den vergangenen Jahren enorm gestiegen sei.

Baustelle Charité: Die Bilder aus dem 19. Stock
Karl Max Einhäupl, Vorstandsvorsitzender der Charité, im 19. Stock beim Rundgang über die Baustelle vom Bettenturm der Charité in Berlin-Mitte.Weitere Bilder anzeigen
1 von 32Foto: Thilo Rückeis
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Auch Silke Wika hat jetzt weniger Kollegen als noch vor ein paar Jahren. Und sechs Stellen sind nicht besetzt. Denn in Deutschland fehlen Kinderkrankenschwestern und überhaupt Pfleger. Fast jeden Tag gibt es Schwierigkeiten, die Schichten zu besetzen. Wenn die Stationsleiterin niemanden in der Kinderklinik findet, fragt sie bei Leiharbeitsfirmen. „Ich fühle mich wie in einem Hamsterrad“, sagt sie. „Ich schaffe es nur selten, alles, was ich zu tun habe, in der regulären Arbeitszeit zu erledigen.“ Allein für die Patientendokumentation gehen fast vier Stunden täglich drauf. Wika geht in Abwehrhaltung, wenn sie über den Stress spricht. Zieht die Schultern hoch, schlägt die Beine übereinander, überkreuzt die Arme. „Ich habe immer das Gefühl, nicht genug Zeit für die Patienten zu haben.“

Wenn dann noch etwas Unvorhersehbares passiere, dann werde der Job fast unerträglich, sagt Silke Wika. So wie im vergangenen November. Damals soll einer ihrer Mitarbeiter in der Rettungsstelle eine 16-Jährige vergewaltigt haben. Wika dachte in jener Zeit häufig, sie stehe kurz vor einem Nervenzusammenbruch. Die negativen Schlagzeilen, die Kritik von außen, „das war zu viel“.

Doch Unvorhersehbares passiert an der Charité häufiger. Der Vergewaltigungsvorwurf gegen den Pfleger war nur der jüngste Vorfall, der in die Schlagzeilen kam. Ebenfalls im November entdeckte man in der Frühchenstation Serratien-Keime, 22 Neugeborene infizierten sich. Ein paar Tage lang sah es so aus, als ob ein Frühgeborenes an der Infektion gestorben sei; der kleine Leichnam musste exhumiert und obduziert werden – der Verdacht bestätigte sich nicht. Wie auch beim Missbrauchsfall setzte sich nach wochenlanger Aufregung die Erkenntnis durch, dass der Charité nichts vorzuwerfen sei, abgesehen vom miserablen Krisenmanagement. Und doch melden sich immer wieder Patienten, die berichten, dass sie, hilflos auf einer Krankenliege, in einem Gang vergessen wurden oder durch fatale Behandlungsfehler fast zu Tode gekommen seien.

Das Universitätsklinikum scheint unter einem Generalverdacht zu stehen: Geht auf einer Station etwas schief, ist nicht ein einzelner Erreger schuld, ein Arzt oder das Gesundheitssystem, sondern gleich die ganze Institution. Der Klinikkonzern sei eben viel zu groß, heißt es dann, und seit dem Mauerfall allmählich zu Tode gespart worden.

Die Charité, ein Leuchtturm der biomedizinischen Wissenschaft – oder nur ein Krankenhaus, das man besser meidet?

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