Berlin : Krankenhaus Moabit: Die Zeit läuft ab

Amory Burchard

Die Tage des Krankenhauses Moabit sind definitiv gezählt: Am 31. Oktober sollen an der Turmstraße die Lichter ausgehen. Bis dahin werden die letzten Stationen und die Rettungsstelle geschlossen. Gut 800 von 1400 Mitarbeitern sollen bis heute ihre Kündigungen erhalten. Im Frieden scheiden die wenigsten, viele wollen klagen. Bislang haben erst 500 eine neue Stelle: 260 Mitarbeiter aus Onkologie, Naturheilkunde, Strahlentherapie und Psychiatrie, die an andere Berliner Krankenhäuser versetzt werden. Weitere 250 sind auf dem engen Gesundheits-Arbeitsmarkt fündig geworden.

"Heute ist der Tag der Tränen", sagt Chefsekretärin Susanne Adjei. Die 36-Jährige bekam ihre Kündigung nicht unerwartet. Den blauen Brief dann tatsächlich in der Hand zu halten, sei trotzdem schockierend. "Dieses endgültige Gehenmüssen aus einem Krankenhaus, an das man geglaubt hat", das sei furchtbar. "Verärgert und völlig verunsichert" ist eine Moabiter Urologin. Für sie und ihre Fachkollegen gebe es in Berlin und Brandenburg praktisch keine Stellen. Die Urologie gehört zu den Abteilungen, die ersatzlos geschlossen werden. Der Chef der Urologie und ärztliche Leiter der Klinik, Gerhard Fabricius, hat seinen neuen Job im Krankenhaus Neukölln schon angetreten.

Klaus-Peter Florian, Sprecher der Gesundheitsverwaltung, wehrt jede Kritik an der Abwicklung ab: "Es ist ein sozial ausgewogener und abgefederter Prozess." Seine Verwaltung stelle 35 Millionen Mark für Gehaltzahlungen bis zum 31. Dezember beziehungsweise zum 31. März 2002 bereit. Von den Krankenkassen komme ein ähnlich hoher Betrag hinzu.

Wann die Mitarbeiter entlassen werden, richtet sich nach ihrer Betriebszugehörigkeit. Für langjährig beschäftigtes Personal seien im Rahmen eines Sozialplans zudem Abfindungen von bis zu 30 000 Mark zugesagt, so Florian. Außerdem stünden für die 800 noch nicht vermittelten Mitarbeiter rund 2000 Stellen zur Verfügung. Diese Jobangebote habe eine Personal-Vermittlungsagentur zusammengetragen, die seit Juli auf dem Moabiter Gelände arbeitet - größenteils aus Stellenangeboten in Zeitungen. Ein Teil der Jobs stamme aber auch aus dem "Solidarpakt", den Krankenhäuser und Pflegeheime zugunsten der Moabiter mit der Gesundheitsverwaltung geschlossen haben. Sie versprachen, bevorzugt ehemalige Mitarbeiter der Klinik einzustellen.

Krankenhaus-Mitarbeiter nennen die Arbeit der Agentur "lächerlich". Bewerben müsse man sich gegen Hunderte von Konkurrenten, bevorzugt eingestellt werde niemand aus Moabit. Florian konnte keine Vermittlungszahlen nennen. Fest stehe: 260 Mitarbeiter ließen sich bislang beraten, 110 nahmen an einem Bewerbungstraining teil. Der Interims-Geschäftsführer der Klinik, Jürgen Staar, beklagt "mangelnde Mobilität" der Mitarbeiter. Auf Angebote aus Mecklenburg oder Bayern wolle sich niemand bewerben.

Der Betriebsrat erwartet "um die 100 Klagen" gegen die Kündigungen. Die Kläger wollten sich auf die Überleitungsvereinbarung von 1999 berufen, als das bis dahin städtische Krankenhaus Moabit GmbH wurde. Der damals zugesicherte Kündigungsschutz sei wirkungslos, sagt dagegen Klaus-Peter Florian, weil die Klinik im Jahr 2000 einer neuen Vereinbarung nicht beitrat.

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