Berlin : Krankenkassen fürchten abschreckende Wirkung der Praxisgebühr

Kritik an einseitiger Belastung der Versicherten durch die Gesundheitsreform. Doch die Ärztevertreter freuen sich über weniger Arbeit

Ingo Bach

Eintrittsgebühren beim Arzt, weniger Kassenleistungen oder höhere Zuzahlungen für Medikamente: Durch die Gesundheitsreform müssen die Kranken tiefer in die Tasche greifen. Doch was die Eckpunkte, auf die sich SPD und CDU geeinigt haben, konkret bedeuten, darüber rätseln die Experten noch. Den richtigen Weg erkennt darin Manfred Richter-Reichhelm, Chef der Berliner Kassenärztlichen Vereinigung. Die Zuzahlungen, die maximal zwei Prozent des Bruttoeinkommens betragen sollen, nennt er „tolerabel“. Dagegen sei der Nutzen hoch. Vor allem das teure Doktorhopping, also die unnötige Konsultation verschiedener Ärzte, werde damit bekämpft, sagt Richter-Reichhelm. Trotzdem würden sich nicht nur wohlhabende Patienten die Zweitmeinung eines anderen Arztes leisten können. „Wenn zum Beispiel ein Urologe zu einer schwierigen Prostata-Operation raten muss, die mit großen Risiken wie Impotenz oder Inkontinenz verbunden ist, dann wird er dem Patienten auch eine Überweisung an eine zweiten Facharzt ausstellen.“ Dafür entfiele dann die Praxisgebühr. „Wer aber nur wegen einer Bagatelle, etwa einer Befindlichkeitsstörung zu einem zweiten Arzt will, der muss selbst zahlen.“ Richter-Reichhelm rechnet damit, dass die Ärzte durch die Reform weniger Leistungen erbringen.

Diese Aussicht alarmiert die Krankenkassen: Sie befürchten, dass mancher Kranke nicht gleich zum Arzt geht, sondern die Krankheit verschleppt, die dann immer schlimmer werden könnte. Das Ergebnis wären höhere Behandlungskosten statt Kostenersparnis, sagt Andreas Kniesche, Pressesprecher der Berliner Ersatzkassen. „Zuzahlungen haben noch nie einen Lenkungseffekt gebracht. Dabei geht es nur ums Geldabschöpfen.“

Eine einseitige Belastung der Versicherten nennt Rolf D. Müller, Vorsitzender der Berliner AOK, die Reform. Aber immerhin biete sie Instrumentarien, mit der man die Qualität der Krankenversorgung verbessern könne. Denn die Politik will es den Medizinern zur Pflicht machen, regelmäßig den Besuch von Fortbildungsveranstaltungen nachzuweisen. Bisher müssen sie das nicht.

Am Ende der Reform soll der durchschnittliche Beitragssatz für die Krankenkassen bei 13 Prozent liegen. Heute sind dass 14,2 Prozent. Doch weil dieser Beitrag nicht mehr paritätisch von Arbeitnehmer und Arbeitgeber finanziert wird, fällt die Entlastung sehr unterschiedlich aus. Bei einem Monatseinkommen von 2000 Euro zahlen derzeit Arbeitgeber und Arbeitnehmer beim jetzigen Durchschnitts-Beitragssatz je 142 Euro an die Krankenkasse. Ab 2007 sinken sie auf 121,40 Euro für den Arbeitgeber und 138,60 für den Arbeitnehmer. Hinzu kämen Mehrbelastungen im Krankheitsfall, die diese Ersparnis schnell wieder zunichte machen: zehn Euro Gebühr pro Quartal für den Arzt- oder Zahnarztbesuch zum Beispiel oder zwischen fünf und zehn Euro Zuzahlung pro Arzneimittel oder pro Tag im Krankenhaus.

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