Berlin : Kraterstimmung an der Autobahn

Im Wald bei Potsdam muss ein Blindgänger gesprengt werden – auf der Straße kommt es zu chaotischen Szenen. Daran ist die Polizei nicht ganz unschuldig.

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Vorsicht, Nachbarn. Camper, Anwohner, Angestellte – alle mussten weg. Foto: dpa
Vorsicht, Nachbarn. Camper, Anwohner, Angestellte – alle mussten weg.Foto: dpa

Kleinmachnow/Stahnsdorf - Die Entschärfung einer Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg in einem Waldstück bei Stahnsdorf an der Autobahn 115 hat gestern rund um Potsdam ein Verkehrschaos ausgelöst – mit Auswirkungen bis nach Berlin. Gegen Mittag wurde die Autobahn aus Richtung Süden zwischen den Anschlussstellen Kleinmachnow und Babelsberg gesperrt. Die Berliner Behörden entschieden sich erst am Morgen in Absprache mit der Brandenburger Polizei, die Avus stadtauswärts bereits ab Funkturm zu sperren. Da es dort wegen der Bauarbeiten sowieso schon täglich zu Staus kommt und viele Alternativstrecken wählen, dürften die Autofahrer im Südwesten Berlins auch auf den Ausweichstrecken Probleme bekommen haben.

Die Experten des Kampfmittelbeseitigungsdienstes benötigten mehr Zeit als geplant. Ursprünglich sollte um 14 Uhr alles vorbei sein. Doch die Entschärfer stellten fest, dass die Zünder des Blindgängers verklemmt waren. Deshalb wurde die Sprengung angeordnet. Um 14.25 Uhr war es so weit, eine Viertelstunde später kam die Entwarnung, die Autobahn wurde für den Verkehr freigegeben. Bis dahin aber ging in und um Potsdam fast nichts mehr. Am Güterfelder Eck und auf der Nuthe-Schnellstraße – einer der wichtigsten Strecken Potsdams – gab es kilometerlangen Stau. Zudem gab es leichtere Unfälle. Auch aus Wannsee in Richtung Potsdam stockte der Verkehr. Ab der Glienicker Brücke ging fast nichts mehr.

Das Chaos wäre teilweise wohl vermeidbar gewesen: Bei der Sperrung der A 115 in Richtung Berlin hatte die Polizei eine folgenschwere Entscheidung getroffen. Angekündigt war, dass die Autobahn zwischen der Anschlussstelle Babelsberg und dem Kreuz Zehlendorf ab 11.30 Uhr gesperrt wird. Stattdessen war aber schon ab 11 Uhr alles dicht – wegen einer Ölspur auf der Fahrbahn. Aus Süden kommend wurde die Sperre aber nicht an der Anschlussstelle Babelsberg aufgebaut, sondern erst an dem dahinter liegenden Autobahnrastplatz Parforceheide. Zahlreiche Autofahrer fuhren also praktisch in eine Sackgasse – und mussten dort am Parkplatz warten. Es kam zu chaotischen Zuständen. Die Autofahrer wendeten schließlich auf Anleitung der Polizei auf der Autobahn, um zur Abfahrt zurückzufahren. Schließlich entschied die Einsatzleitung, die Sperrung der Autobahn für einige Minuten aufzuheben, damit die eingekesselten Autos weiterfahren konnten. Ein Polizeisprecher verteidigte diese Regelung. Wäre der Autobahnverkehr bereits ab Babelsberg nach Potsdam und Teltow abgeleitet worden, hätte es das ohnehin schon ausgelöste Verkehrschaos noch verstärkt.

Für die Sprengung in einem Umkreis von 900 Metern wurden aus Wohnungen und Häusern etwa 200 Menschen in Kleinmachnow, Stahnsdorf und Berlin evakuiert. Geräumt wurden auch zwei Campingplätze, auf denen einige Dauercamper leben. Geschlossen wurden ebenfalls der Südwestkirchhof Stahnsdorf und der Wilmersdorfer Waldfriedhof. Betroffen war auch das Gewerbegebiet Europarc. Der Luftraum über der Gegend war gesperr worden.

Die fünf Zentner schwere Fliegerbombe stammt nach Angaben des Kampfmittelbeseitigungsdienstes offenbar aus jenen Kriegstagen, als die US-Luftwaffe versuchte, die Brücken des Teltowkanals zu sprengen. Der Kopfzünder war nicht entsichert. Das Waldareal sei voll von Bombentrichtern, hieß es. Auch die Ausbruchversuche der Wehrmacht aus Berlin zum Kriegsende, die am Teltowkanal von der Sowjetarmee verhindert wurden, haben hier Spuren hinterlassen. In nächster Zeit soll der Waldbereich deshalb systematisch abgesucht werden. Die Kosten werden vom Land Berlin als Waldeigentümer getragen.

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