Kreatives Berlin : Kunst in der Schachtel

Der Künstler Julian van Grey hängt in der ganzen Stadt Pizzakartons auf. Darin finden sich kleine Werke, die er der Öffentlichkeit überlässt.

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Offener Typ. Julian van Greys Pizzakartons sind dazu da, mitgenommen, verschandelt oder verschönert zu werden. Der Künstler guckt nicht, was daraus wird.
Offener Typ. Julian van Greys Pizzakartons sind dazu da, mitgenommen, verschandelt oder verschönert zu werden. Der Künstler guckt...Foto: Björn Kietzmann

Dieses Mal hat sich der Künstler ein Stahltor in seinem Kiez in Prenzlauer Berg ausgesucht, wo er sein neuestes Werk anbringt. Es ist ein sonniger Nachmittag, als Julian van Grey das Plastik vom doppelseitigen Klebeband löst und die Box am Untergrund festdrückt. Doch auf gutes Wetter ist er gar nicht angewiesen. „Der Pizzakarton hält ja einiges aus.“

In den Pappschachteln finden Passanten keine Pizza, sondern Kunst.

Hängt das Werk erst einmal, dann gibt van Grey es gewissermaßen frei. Egal ob Regen kommt oder ein Passant, der die Box gleich wieder ablöst, um sie im eigenen Wohnzimmer aufzuhängen – Julian van Grey ist offen für alle Einflüsse, die seinen Werken womöglich widerfahren. Er hat auch nichts dagegen, dass manchmal jemand mit Filzstift anrückt und ein paar Schriftzüge im Karton hinterlässt. „Wenn ich Glück habe, sieht’s danach noch besser aus“, sagt van Grey.

Er tritt ein paar Schritte zurück und betrachtet das Werk. „4rtbox“ steht in großen roten Buchstaben auf der Schachtel. Klappt man sie auf, ist ein Schriftzug auf abstrakten farbigen Flächen zu sehen. „It’s got that lonely smell“ steht in diesem Exemplar – Es hat diesen einsamen Geruch.7

150 Werke in den Straßen Berlins

Seit vier Jahren produziert der 44-jährige Foto- und Videokünstler die Kunst in der Schachtel. Mehr als 150 kleine Werke hat er seither in den Straßen Berlins hinterlassen. Er befestigt sie an Mauern, Strom- und Postkästen, Schildern, Werbeplakaten – wenn ihm ein Untergrund interessant erscheint, merkt er ihn sich als mögliche Ausstellungsfläche.

Die Straße sei für ihn eine Art „Testfeld“, sagt van Grey. Er kann sich hier ausprobieren, neue Dinge versuchen und sich als Künstler weiterentwickeln. „Wenn man eine Ausstellung macht, hat man eine gewisse Erwartung. Wie die Leute darauf reagieren, ob man was verkauft“, sagt er. Auf der Straße sei das anders. Hier lässt der Künstler seine Werke zurück und mit ihnen alle Erwartungen, die er daran knüpfen könnte. Das macht ihn auch so offen für alle Einwirkungen von außen, mit denen er auf der Straße zu rechnen hat.

So wie Anfang des Jahres, als Julian van Grey in zwei Kartons Zettel und Stift hinterließ, mit dem Hinweis „Plane dein Leben!“. „Das war als ironischer Kommentar zu unseren durchgeplanten Leben gedacht“, sagt er. Zwei Wochen später hingen die Boxen noch und er wagte einen Blick hinein. Ob vielleicht jemand einen Schriftzug hinterlassen hatte? Die Linien auf dem Schreibpapier waren tatsächlich mit den Lebenszielen von Passanten ausgefüllt, wie „Wir werden eine schöne Familie!“ und „Sei du selbst, denn alle anderen gibt es schon.“ Das habe ihn „komplett gerührt“, erzählt van Grey.

Das mit den Pizzakartons hat sich der Künstler bei einem Besuch in Leipzig abgeguckt. Dort hatte er ein solches Werk auf der Straße gefunden. Der Gedanke gefiel ihm, doch zurück in Berlin kam er erst nach ein paar Monaten darauf, es einmal selbst zu probieren. Anfangs bestellte er noch Pizza, um an die Boxen zu kommen. Inzwischen kauft er sie im Großhandel.

Fotos, Drucke und Postkarten

Wie sehr Julian van Grey sich damit ausprobiert und experimentiert, sieht man auch daran, wie sich die Werke über die Jahre verändert haben. Mal waren es Fotos, dann Drucke, später Collagen, dann wieder lud er andere Künstler zur Mitgestaltung ein. Momentan klebt er übermalte Postkarten in die bunt gestalteten Boxen und versieht sie mit dunklen Schriftzügen.

Es sei für ihn auch eine Möglichkeit, Befindlichkeiten abzuarbeiten, wie er es nennt. Zwischendurch gestaltet er ein paar Monate keine einzige einzige Box, dann wieder macht er eine ganze Reihe in wenigen Tagen. Gerade beschäftigt Julian van Grey auch die Entwicklung seines Kiezes in Prenzlauer Berg, wo er seit 15 Jahren lebt. „Man hat hier diese scheinbar ausgeflippten Typen, aber die sind ja im Grunde wahnsinnig bürgerlich“, sagt der Künstler. Das führt dann etwa zu Schachteln wie die mit dem Schriftzug „Punk is dead. You fool“ ( Punk ist tot. Du Trottel), die gerade noch zwischen anderen Werken in van Greys Schlafzimmer liegt. „Zur Zeit gefallen sie mir selbst so gut, dass es mir schwerfällt, sie auf die Straße zu kleben“, sagt der Künstler.

Er tut es dennoch. Denn seine Pizzakartons haben ihn auch persönlich freier gemacht. „Ich muss damit nur vor mir selbst bestehen“, sagt er. Und darauf möchte er nicht verzichten. Seine erste Großbestellung der Boxen, bei der er die Mindestanzahl von 200 Stück einkaufte, ist fast aufgebraucht. Was mit ihnen weiter passiert ist, nachdem er sie auf die Straße gesetzt hat, das weiß Julian van Grey natürlich nicht. Aber dass er weitermacht, das weiß er ganz sicher. Demnächst wird er einen neuen Schwung Pizzakartons bestellen.

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