Kreativwirtschaft : Wowereit bezirzt die Subkultur

Ein neuer "Pop- und Rockbeauftragter" soll mit jährlich einer Million Euro der Musikszene in Berlin unter die Arme greifen. Doch die will keine Wirtschaftsförderung, sondern Freiräume und bezahlbare Mieten.

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Steffen Hack, Betreiber des „Watergate“ in Kreuzberg, kritisiert die hohen Quadratmeterpreise in Berlin.
Steffen Hack, Betreiber des „Watergate“ in Kreuzberg, kritisiert die hohen Quadratmeterpreise in Berlin.Foto: David von Becker

Der Titel hat was: „Pop- und Rockbeauftragter“ des Berliner Senats, das drückt einen kulturpolitischen Anspruch aus und Sinn für einen wichtigen Teil der kreativen Szene in Berlin. Und es zeigt, dass der Senat eine Institution wiederbeleben will, die in den subkulturell spannenden achtziger Jahren in Berlin-West für die Popmusik einiges getan hat. Bislang allerdings ist der „Musikbeauftragte“ an der Spitze eines „Musicboards“ nicht mehr als ein Titel, ein Projekt des Regierenden Bürgermeisters und ein Beschluss des Senats.

Klaus Wowereits Mann für die Zukunftskonzepte, der Chef der Senatskanzlei Björn Böhning, hat mit dem Beschluss für einen Musikbeauftragten erreicht, wofür er monatelang geworben hat: eine Institution zwischen der Politik und der Szene. Der oder die – von Wowereit noch zu ernennende Beauftragte soll mit einem Jahresetat von einer Million Euro ausgestattet werden, dafür aber so ziemlich jede Aufgabe übernehmen, die man mit der unübersichtlichen, teilweise wilden und in großen Teilen von der Politik abgewandten Musikszene in Verbindung bringen kann. Die oder der Beauftragte soll wie ein Agent Kontakte zwischen Musikern und Musikwirtschaft herstellen, er soll wie ein Mediator Konflikte zwischen Clubbetreibern und ihrer Nachbarschaft lösen, sie oder er soll für die Musikszene werben und sich kompetent in der Verwaltung herumtreiben, damit Fördergelder und Programme dort ankommen, wo sie gebraucht werden und möglichst noch neue Sponsoren rekrutieren.

Ziemlich viele Aufgaben für einen Beauftragten, auch wenn der, wie Böhning betont, sich nicht um alles gleichzeitig kümmern, sondern in jedem Jahr seine Prioritäten überdenken soll. Immerhin wird die oder der von Wowereit Erwählte sich auf ein paar Traditionen stützen können. Dass man mit der Unterhaltungsmusik auch Kultur- und Wirtschaftspolitik machen konnte, war in den förderpolitisch fantasievollen West-Berliner Jahren geradezu eine politische Doktrin. Ein Kenner der Musikszene erinnert an das bezirkseigene „Beatstudio“ in Wilmersdorf: Dort habe die 1980 abhebende Band „Ideal“ den späteren Hit „Berlin“ aufgenommen, „in Vierspurtechnik“, wie der Musikfachmann sagt.

So war West-Berlin eben auch: großherzig zu seinen wilden Kindern. In der Tradition von damals hält die Kulturverwaltung noch heute Fördergelder für ambitionierte Nachwuchsbands vor, für Projekte wie ein Festival oder für Tourneen. 350 000 Euro jährlich stünden zu Verfügung, heißt es in der Kulturverwaltung.

Auch wenn die oder der Rockbeauftragte nun noch über die Förderpolitik hinaus Bedeutung reklamiert, kommt Wowereits und Böhnings Vorhaben in der Opposition nicht wirklich gut an – und in der Szene auch nicht. Katrin Schmidberger, bei den Grünen zuständig für Clubs, urteilt knapp: Der Senat habe nicht verstanden, dass die Subkultur, die Musiker, die Projektemacher, die Clubbetreiber und Kleinkonzertorganisatoren keine „Wirtschaftsförderung“ brauchen, sondern passende Überlebensbedingungen. Dazu gehörten bezahlbare Mieten und eine Stadtentwicklung, in der sich die lokale Subkultur entfalten kann. Dass im Senat solche Faktoren neuerdings als „Stadtrendite“ Beachtung finden, tröstet Schmidberger nicht über die Preistreiberei in den Innenstadtbezirken hinweg: „Wenn Berlin den Spirit verliert, wird das mit Stadtrendite nicht aufzufangen sein.“ Klaus Lederer, Clubkenner der Linksfraktion, sagt, es wäre an der Politik, Freiräume zu schützen, etwa durch ein nicht nur an der Rendite orientiertetes „Flächenmanagement“.

Genauso skeptisch ist Steffen Hack, Betreiber des „Watergate“ in Kreuzberg. Freiräume bleiben dort, wo nicht die Kapitalisierung des Quadratmeters oberstes Ziel sei. Der Senat aber nehme Milliarden Euro ein und tröste die Szene nun mit einem Beauftragten und einer Million.

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