Krebserkrankung : Manfred Stolpe kämpft gegen den Feind in seinem Körper

Manfred Stolpe leidet seit Jahren an Krebs. Bei öffentlichen Auftritten ist ihm das kaum anzumerken. Aber zusammen mit seiner Frau wurde er zum Aufklärer.

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Gemeinsamer Kampf gegen den Krebs: Manfred Stolpe mit seiner Frau.
Gemeinsamer Kampf gegen den Krebs: Manfred Stolpe mit seiner Frau.Foto: Foto: Eventpress Herrmann

Es war wie immer: Er hat sich nichts anmerken lassen, er ist erschienen, mit Ehefrau Ingrid am vergangenen Mittwoch zum alljährlichen brandenburgischen Landesfest im Potsdamer Krongut Bornstedt. Er hat seine Runden gedreht, sich mit alten Vertrauten unterhalten – kein Wort davon, dass ein alter, feindlicher Begleiter sich wieder bei ihm gemeldet hat: Manfred Stolpe, 77, hat Krebs. Brandenburgs erster Regierungschef (1990-2002) muss sich behandeln lassen – schon wieder.

Neun lange Jahre lebt Manfred Stolpe nun schon mit der Krankheit. Er hat sie nie mit Tabus belegt. Durch seine Frau, die Ärztin ist, weiß er ja, wie wichtig Aufklärung ist. Deshalb hat er auch aufgeklärt – damit andere zur Vorsorge gehen und vielleicht verschont bleiben vom Krebs. Bei Stolpe selbst begann es 2004 mit Darmkrebs. Der war bei einer vorsorglichen Spiegelung entdeckt worden. Ein Jahr zuvor hatte die Felix-Burda-Stiftung begonnen, das Thema Darmkrebs mit massiven Kampagnen aus der Tabuzone zu holen. Auf diese Kampagne wurde auch Stolpes Frau Ingrid aufmerksam und schickte ihren Mann zur Untersuchung. Er wäre nie hingegangen, wenn sie nicht solchen Druck gemacht hätte, erzählte er später.

Als er seine erste Therapie machte, war er noch Bundesverkehrsminister. Auch damals hat er sich zunächst nichts anmerken lassen; er hatte gerade die Einführungsprobleme der Lkw-Maut politisch zu verkaufen. Dass er zwei Kämpfe führte – einen gegen Rücktrittsforderungen und einen um sein Leben –, das erfuhr das Land erst später. Zunächst hatten die Ärzte einen Polypen entdeckt und Stolpe zur sofortigen Operation geraten. Aber er lehnte erst mal ab, weil er das Gefühl hatte, sich nicht wegducken zu dürfen. Auf die Frage des Magazins „Stern“, ob ihm die Maut damals wichtiger gewesen sei als die Gesundheit, sagte er: „Ja, die Maut war mir wichtiger. Ich stand in der Pflicht.“ Vier Monate später hatte sich der Polyp zum Karzinom entwickelt. Als er sich geheilt fühlte, war er ganz anderer Auffassung. „Alles, was der Vorsorge dient, mache ich gern“, sagte Stolpe im April vor drei Jahren. Er habe schließlich selbst erfahren, wie sehr Menschen davon existenziell berührt seien. Da gab er sich optimistisch, aber auch wachsam: „Mir geht es gut. Aber ich habe gelernt, dass auch ganz schnell etwas anderes um die Ecke kommen kann.“

Den ersten Rückfall hatte Stolpe da bereits hinter sich. 2008 wurden Metastasen in der Leber entdeckt. Und die nächste Attacke auf die Lunge lauerte schon. Mit 77 Jahren hat er nun schon Krebsangriffe auf Darm, Leber, Lunge und Niere erlebt. Seine Frau Ingrid hat vor vier Jahren Brustkrebs überstanden. Wo andere das Private suchen, pflegt Stolpe einen offenen Umgang mit der Erkrankung – um anderen Menschen Mut zu machen, wie er es auch an diesem Wochenende wieder gesagt hat. Er hat mit seiner Frau Ingrid (74) ein Buch geschrieben darüber, wie es ist, gegen die Krankheit zu kämpfen und nach jedem Sieg trotzdem mit der Gewissheit leben zu müssen, dass sie jederzeit wiederkommen kann. „Wir haben noch viel vor“ haben sie das Buch trotzig überschrieben und das Honorar der Deutschen Krebshilfe gespendet, um sich nicht dem Verdacht auszusetzen, aus Gewinnstreben zu handeln.

Nun also wieder: Diagnose, Behandlung. Nebenwirkungen. Ungewissheit. Er hat sich in die Hände seiner Ärzte begeben – im Potsdamer Ernst-von-Bergmann-Klinikum. Den Ärzten dort vertrauen er und seine Frau, mit der er in ein Seniorenheim in Potsdam gezogen ist. Zeitweise lagen beide Eheleute auf der Krebsstation im Bergmann-Klinikum. Bereits im Januar seien bei einer Untersuchung Metastasen in der Niere entdeckt worden, sagte Stolpe jetzt der „Bild“-Zeitung. Er habe sich „schon 25-mal unter die Strahlenkanone gelegt“, berichtet er. Aber das sei längst nicht so schlimm wie die Chemotherapie. Ob die Behandlung erfolgreich war, werde erst die Nachuntersuchung Anfang August zeigen.

„Ich gehe mit der Krankheit offen um, weil ich meine Leidensgenossen ermutigen will, den Kampf nicht aufzugeben“, sagte Stolpe am Wochenende. Anfangs hatte er nicht mal der Tochter etwas gesagt.

Auch Ende Mai hatte er sich nichts anmerken lassen, als er in die Neuen Kammern am Schloss Sanssouci geladen war. US-Botschafter Philip D. Murphy hatte mit seiner Frau Tammy brandenburgische Wegbegleiter zum Abschiedsessen in einen der Festsäle geladen. Stolpe wirkte noch fit – nicht ganz so, wie Monate davor, aber den Patienten sah man ihm noch nicht an. Er redete länger mit einem alten Bekannten, mit Jörg Schönbohm (75). Sein ehemaliger Koalitionspartner und Innenminister von der CDU hatte im Jahr 2012 einen Schlaganfall – und berichtete an dem Abend, bald wieder ins Krankenhaus zu müssen. Stolpe sagte nichts. Nicht an so einem Abend, nicht in einem solchem Rahmen. 

Nur einmal, angesprochen auf einen alten Bericht über seine Krankengeschichte, da hätte eine Ahnung aufkommen können: „Mit so etwas muss man wohl leben, wenn man mit diesem Scheißkrebs, mit diesem Feind in seinem Körper leben muss“, hatte er – angesprochen auf einen Halbsatz vom „todkranken Stolpe“ vor Jahren – mit wegbrechender Stimme gesagt und sich kurz abgedreht; die Fassung sofort wieder findend. Kein Wort an diesem Abend davon, dass der Feind wieder da war. Dass er wieder kämpft. (mit dpa)

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