Berlin : Krebskranke gehen lieber zum Arzt nebenan

Mehr als 30 000 Tumorpatienten haben sich vergangenes Jahr in einer Praxis ambulant behandeln lassen

Hannes Heine

Immer mehr Berliner Krebspatienten vermeiden den Weg ins Krankenhaus. Wer keine schwere Chemotherapie oder eine Operation benötigt, sucht stattdessen einen niedergelassenen Arzt auf. Im vergangenen Jahr wurden nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Berlin mehr als 30 000 Menschen wegen eines Krebsleidens in einer Praxis behandelt, 2004 waren es mehrere tausend weniger. Damit ist die Zahl der Tumorpatienten, die in einer Arztpraxis versorgt werden, seit 1992 um das Fünffache gestiegen. In Berlin stehen Krebskranken neben den Krankenhäusern 19 Schwerpunktpraxen zur Verfügung. Nach Senatsangaben gibt es in Berliner Kliniken jedoch immer noch knapp 54 000 Krebsbehandlungen jährlich.

Zu der hohen Nachfrage nach ambulanter Versorgung habe unter anderem die „Nähe zum Patienten“ und das „hohe Behandlungsniveau“ der niedergelassenen Ärzte geführt, hieß es bei der KV. Wer als Krebspatient eine der onkologischen Schwerpunktpraxen aufsucht, könne mit einer „wohnortnahen und vertrauten“ Behandlung rechnen, sagte die KV-Vorsitzende Angelika Prehn: „Unsere Ärzte kennen die Krankengeschichte und den Hintergrund ihrer Patienten genau“.

Das kann die 37-jährige Monika Michel bestätigen. Die krebskranke Mutter hat zwei kleine Töchter, um die sie sich zu Hause kümmern muss. Eine stationäre Behandlung käme für sie deshalb nicht infrage. Die Behandlung bei ihrem Arzt ginge nicht schneller als in einer Klinik, auch der Umgang sei viel persönlicher.

Auch an ihrem Lebensende müssen Berliner Krebspatienten nicht zwangsläufig in ein Krankenhaus, betonten Berliner Onkologen. In der Stadt gibt es eine bislang bundesweit einmalige Initiative für Hausbesuche. Nach Auskunft der KV sind für das sogenannte Home-Care-Projekt derzeit 27 Ärzte tätig, die die Patienten in den eigenen vier Wänden besuchen. Die Arbeit der Home-Care-Mediziner wird zurzeit nur in Berlin von den Krankenkassen finanziert. Nach Angaben von Krankenkassen kostet eine ambulante Gesamtbehandlung in der Regel weniger als eine Therapie in einer Klinik. Für eine Versorgung in einer Praxis fallen etwa 2500 Euro an, eine stationäre Behandlung in einem Krankenhaus schlage aber insgesamt mit mehr als 4000 Euro zu Buche, hieß es von den Krankenkassen.

Kürzlich hatte das Bundesgesundheitsministerium mitgeteilt, dass die Behandlung von Krebs in einem Krankenhaus in der Regel besser sei als bei einem niedergelassenen Arzt. Die KV widerspricht dem entschieden.

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