Kreuzberg : An der kurzen Leine

Seit der Einführung eines neuen Sicherheitskonzepts gilt das Prinzenbad in Kreuzberg nicht mehr als Problembad. Ein Rundgang mit Hund.

Jan Oberländer
Sicherheitsleute im Prinzenbad
Die Sicherheitsleute mögen mit ihren Handschellen am Gürtel martialisch aussehen, doch ihre Hauptaufgabe lautet: reden. -Foto: Uwe Steinert

In der Warteschlange vor dem Kassenhäuschen wird es unruhig. Ein lockenköpfiger Halbstarker und ein stabiler Typ, auf dessen T-Shirt das Logo einer Kampfsportschule prangt, liefern sich ein Wortgefecht. Ein paar Brocken Türkisch, ein bisschen Deutsch, der Ton ist rau, auch wenn der Halbstarke lacht. Die anderen Wartenden wenden den Blick ab. Dafür sehen die beiden Herren vom Sicherheitsdienst umso aufmerksamer hin. Nur einige Momente, nachdem das Gekabbel begonnen hat, stehen zwei beeindruckend tätowierte Hünen vor dem Kampfsportmann und lassen sich den Inhalt seiner Tasche zeigen. Dabei unterhalten sich die beiden Rothemden mit ihm, ganz leise, ganz freundlich. Dann darf er weiter, in Richtung Umkleide.

Andreas Pfitzner verfolgt die Szene fröhlich grinsend – er fühlt sich mal wieder bestätigt. Pfitzner, ein kompakter Typ mit Raspelschnitt und abgebrochenem Schneidezahn, ist Profi. 17 Jahre lang war er Militärpolizist, bevor er 2007 von den Berliner Bäderbetrieben engagiert wurde, um die städtischen Sommerbäder wieder attraktiv für Familien zu machen. „Das sind Erholungspunkte, keine Stress- und Streitpunkte“, sagt der 37-Jährige.

Das Prinzenbad war ein besonders problematischer Ort. Berichte von Pöbeleien, Prügeleien, von Diebstahl, Raub und Macho-Allüren gingen durch die Medien. Oft stand schon morgens der erste Polizeiwagen vor der Tür. Pfitzner steht im Eingangsbereich des Kreuzberger Prinzenbades und macht eine beschwichtigende Handbewegung: „Kommt runter, Leute!“ So bringt er das von ihm entwickelte Sicherheitskonzept auf den Punkt, das seit Beginn der Saison in allen Sommerbädern greift. Gegen Stressmacher wird hart durchgegriffen, „aber mit Maß und Konsequenz“. Die „Zielgruppe“, türkisch- oder arabischstämmige Jungs von zwölf bis 21 Jahren, bekommen klare Grenzen aufgezeigt. 160 Namen stehen berlinweit auf der Hausverbotsliste. Davon, sagt Pfitzner nüchtern, „nur vier deutsche“. Die erste Ermahnung sei die letzte Ermahnung. Wer Ärger macht, fliegt raus. Punkt.

Details der neuen Strategie will Pfitzner nicht öffentlich diskutieren. Es sei aber kein Geheimnis, dass man eng mit der Polizei zusammenarbeite. Dazu gehören auch Streifen in Zivil, also in Badehose. Die Rothemden, die an den Außenzäunen des Bades Streife gehen, sind hingegen kaum zu übersehen. Sie halten „Hotte“, den Schäferhundrüden, an der kurzen Leine. Die Tiere, sagt Pfitzner, seien im Ernstfall ein „ausgezeichnetes Respektsmittel“.

Dabei, und das ist wichtig, geht es dem Sicherheitschef eben nicht um bloße Abschreckung. Wie sie am Beckenrand entlangschlendern, mit Handschellen und Pfefferspray am Gürtel, sehen die Sicherheitsleute von „Berlin Security“ – die Firma betreut die Hälfte der 16 Berliner Sommerbäder – zwar martialisch aus. Doch ihre Hauptaufgabe lautet: reden.

Das neue Konzept scheint aufzugehen. Auf den Terrassen sonnen sich Menschen auf ihren Handtüchern. Im flachen Wasser dümpelt ein älteres Paar und bräunt sich die Bäuche, daneben toben die Kinder. Ein Becken weiter übt eine Jungsgruppe Köpper. Und auf der Liegewiese breiten Familien auf bunten Decken ihr Picknick aus. Neben Pfitzner steht Mayk Kallbach, der Inhaber von „Berlin Security“, und zieht an einem Zigarillo. „Ist doch ein Naherholungsgebiet hier!“, sagt er – und setzt sichtlich zufrieden hinzu: „Die Zeit der spektakulären Geschichten ist vorbei.“

Es hat allerdings eine gewisse Zeit gebraucht, bis an der Prinzenstraße Ruhe einkehrte. In den ersten drei Wochen gab es immer wieder Probleme. Der Tiefpunkt war eine Massenprügelei am Pfingstmontag, die am Ende zur Festnahme von zwei gesuchten Schlägern führte. Kurz nach Saisonbeginn kamen ihnen auch noch öfter bewaffnete Kandidaten unter. Wie der eine Araber, der an einer verborgenen Manschette um den Unterarm eine ganze Reihe Wurfmesser ins Prinzenbad schmuggeln wollte. „Angeblich zum Gurkenschälen“, schnaubt Kallbach. Die Waffenträger werden, genau wie Prügler oder Kiffer, ohne weitere Diskussion der Polizei übergeben.

Mittlerweile hat sich die „Zielgruppe“ daran gewöhnt, dass es in den Berliner Bädern jetzt strenger zugeht. „Das hat sich schnell rumgesprochen“, sagt Kallbach. Nur in den Sommerferien, wenn die Jugendlichen mehr Freizeit haben und die Bäder noch voller sind, könnte noch mal „der Aufstand der Zwerge“ geprobt werden, sagt er.

Einen kleinen Vorgeschmack darauf gibt es dann noch an diesem ruhigen Kreuzberger Nachmittag. Pfitzner hält sein Funkgerät ans Ohr. „Da wollen welche über den Zaun!“, ruft er, dann stapft er los. Er trägt Militärstiefel, immer, auch im Sommer. Zügig geht es über die Liegewiese, am Zaun erwartet ihn bereits die Streife. Die Eindringlinge sind schon wieder weg. Jungs, die ihren Schülerausweis vergessen hatten und nicht den vollen Eintrittspreis von vier Euro zahlen wollten. Wären sie über den Zaun geklettert, wären sie ein erhöhtes Eintrittsgeld von 30 Euro losgeworden. Aber mit den beiden schwergewichtigen Rothemden wollten sich die jungen Badegäste dann doch nicht anlegen.

Ein paar Meter weiter, auf der Liegewiese, spielen ein paar Studenten Fußball. Verbotenerweise. „Wenn da ein Kind den Ball an den Kopf kriegt!“ Ein Sicherheitsmann geht rüber. Er grinst und sagt ein paar Worte. Die Studenten ziehen rüber zum Volleyballfeld.

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