Kreuzberg : Aus für die Supermarkthalle

Die 1891 eröffnete denkmalgeschützte Halle an der Eisenbahnstraße wird doch nicht an den zuletzt gehandelten Investor verkauft. Bezirk und Land wollen in der Eisenbahnmarkthalle lieber kleine Händler ansiedeln.

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Viele kleine Läden in der Eisenbahnmarkthalle sind dicht. Sie sollen jetzt wiederbelebt werden. -Foto: Kai-Uwe Heinrich

In der verstaubten „Imbiß“-Auslage liegen noch vergilbte Preisschilder. „Nudelsalat 100 gr. 0.95“ steht in verschnörkelter Handschrift. Das war einmal. Gleich daneben hat jemand einen Werbeprospekt von Aldi hinters Glas gesteckt: „DVB-T-Tuner: Edles Design, moderne Technik“. Zwei Welten müssen zueinander finden, in der Eisenbahnmarkthalle im alten Kreuzberger Postzustellbezirk 36. Jetzt ist wieder alles offen: Freitagabend wurde bekannt, dass die landeseigene Berliner Großmarkt GmbH die 1891 eröffnete denkmalgeschützte Halle an der Eisenbahnstraße doch nicht an den zuletzt gehandelten Investor verkauft. Der wollte inmitten der Gusseisensäulen, neben Klinkerwänden und holzverstrebten Decken große Supermärkte ansiedeln.

Nach wochenlangen Anwohnerprotesten lehnt das der GmbH-Aufsichtsrat nun ab. Bezirk und Land wollen doch lieber kleinteiligen Einzelhandel, um den Stadtteil aufzuwerten. Unweit der Halle stauen sich jetzt schon Kunden beim Großeinkauf an der Netto- und Lidl-Kasse. „Ich wünsche mir, dass ich mich da nicht mehr ewig anstellen muss, wenn ich nur mal Butter brauche. Und hier in der Halle bekäme ich noch nette Plaudereien dazu“, sagt ein 61-jähriger Stammkunde am Imbissstand im Mittelgang. „Früher“, sagt er, „ hat sich hier immer das Leben getroffen.“

Früher. Da kam man von der Eisenbahnstraße her rein: Stimmengewirr. Rechts die Brötchen, links der Aufschnitt, dann Fischstand, Obst, Gemüse, Delikatessen. „Die Kollegen vom türkischen Feinkoststand haben zuletzt 2000 Euro Miete im Monat abgedrückt, das muss man sich mal vorstellen“, sagt Händler Jannis Sotiriadis. Er selbst hat zuletzt 30 Euro Miete pro Quadratmeter in der Halle bezahlt. „Sie haben den gleichen Preis wie in der Marheinekemarkthalle verlangt, aber da hat man doch ein ganz anderes Umfeld“, kritisiert der aus Nordgriechenland stammende Berliner. Schließlich „hat sich ein Händler nach dem anderen abgemeldet“ so formuliert es Hallenbesucherin Sigrid Hoenow.

Jannis Sotiriadis’ neuer Laden „Jannimu Bistro und Feinkost“, schräg gegenüber der Halle an der Eisenbahnstraße, brummt: Seine Kunden könnten auch aus dem besser situierten Kreuzberg 61 stammen. Statt 30 zahlt Sotiriadis jetzt 7,50 Euro Miete. „Ich bin einer der wenigen, der gerade noch so wirtschaftlich gesund rauskam. Wie schade, dass die Halle zum Durchgang verkommen ist.“

Da geht es vorbei an vielen leeren, verbarrikadierten Buchten. Geöffnet haben etwa der Billig-Kleidungsladen Kik, Aldi und Drospa. Der Videoladen ist ebenfalls an die Eisenbahnstraße umgezogen – auch, weil er dort länger öffnen kann. Geblieben ist das historische Imbissrestaurant Linie 36. Hier ärgert sich Sonja Jordan, im Sommer Servicekraft auf Ausflugsschiffen der Rederei Becker, über die Trostlosigkeit. „Ich hätte so einen großen Supermarkt gut gefunden, da wäre wenigstens wieder was los gewesen in der Halle, und ich hätte auch mal ein frisches, nicht abgepacktes Stück Fleisch bekommen.“

Der griechische Hallenkenner sieht das allerdings anders. Er sei zwar kein Fan der inzwischen verworfenen Idee, dort einen orientalischen Basar zu etablieren. „Aber ich finde, dass in die Halle das einziehen sollte, was Kreuzberg ausmacht: Eine gute Mischung aus Einzelhandel, zudem Kunst, Galerien, vielleicht Probenräume für Musiker.“ Jannis Sotiriadis ist überzeugt: „Wenn man hier einen Juwel hineinwirft, glänzt der bis in die Ferne.“Annette Kögel

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