Kreuzberg, Dresden : Einigeln in der festen Meinungsburg

Kommunikation mit anderen wird von einer offenbar wachsenden Zahl von Menschen als Belästigung empfunden und als Gefahr. Denn reden und schreiben kann heißen, sich auszuliefern, im Shitstorm zu enden. Ein Kommentar.

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Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne)
Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne) bei der Anwohnerversammlung in Kreuzberg am Donnerstag.Foto: dpa

Kreuzberg macht gerade sich und den Rest von Berlin sprachlos. Eine Anwohnerversammlung zum Görlitzer Park endete in Niederbrüllen, Buhrufen, Pfiffen, Sprechchören, „Haltet die Fresse“ stand auf Plakaten. Die Lust verschiedener Teilnehmer, irgendjemanden am Reden zu hindern, war erkennbar größer als die Neigung, anderen zuzuhören. Der tote Punkt war erreicht, die Veranstaltung wurde abgebrochen.

Auf diesen Punkt läuft in Dresden die Bewegung „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ (Pegida) zu. Sie hat sich totspaziert, bar jeder Ironie hat der bösartige Appell „Lügenpresse – Halt die Fresse“ die eigene Bewegung infiziert. Wenn Schweigen zur Sprachlosigkeit wird, führt Sprachlosigkeit zum Abbruch der Veranstaltung.

Der Mensch - digital und sozial

Lost in Kommunikation, in Kreuzberg wie in Dresden. Die einen schreien sich ins Verstummen, die anderen spazieren sich ins Verstummen. Beide Verhaltensweisen überschneiden, beide vereinigen sich in einer Position: Wehe, wenn der andere zu Wort kommt. Ist das zu glauben: Miteinander reden wird zur Gefahr.

Es ist, als würden sich zwei Entwicklungen strangulieren, deren Parallelisierung schier heilsversprechend war. Niemals war der Einzelne mehr zur Kommunikation befähigt. Technisch hochgerüstet und permanent online ist der Mensch ein digitales Wesen – und ein soziales dazu. Aus tausendundeinem Grund werden Interessens-, Lebens- und Erzählgemeinschaften gegründet. Im Netz ist keiner allein mit sich und seiner Meinung. Das Netz ist die perfekte Ego-Stütze.

Unterschlupf in der Meinungsburg

Die Organisation von Kommunikation soll zur Partizipation führen. Jedes Problem, das mehr als nur einen Menschen betrifft, soll gemeinsam behandelt und gelöst werden. Konsens ist machbar, auf dem Weg gemeinsamer Kommunikation. Also Anwohnerversammlung, also Pegida. Da wird’s schwierig. Weil der eingenommene und stets ausgebaute Schutzraum verlassen werden muss. Aus dem Unterstand eigener Überzeugung hinaus aufs Feld freier Auseinandersetzung. Und dann die fatale Erkenntnis: Da draußen ist mehr Waterloo als Walhalla, also zurück in meine feste Meinungsburg und gleich mal das „Haltet die Fresse“-Banner über die Zinnen geworfen.

Kommt Ermutigung aus der Ecke der professionellen Kommunikatoren? Die politische Talkshow, nur zum Beispiel, lebt vom ritualisierten Gegeneinander, vom Durchtragen des eigenen Mantras über 60 und mehr Minuten. Es gibt nicht wenige Beiträge im Bundestag, da weiß der Redner, dass ihm, wenn er sich nicht selber zuhört, im spärlich besetzten Plenum gar keiner wird zuhören.

Geborgenheit im Meinungskokon

Kommunikation mit anderen wird von einer offensichtlich wachsenden Zahl als (Lärm-)Belästigung empfunden und als Gefahrenmoment erlebt. Das wird angefeuert von der Grundskepsis, dass Reden sich ausliefern heißt, Engagement in Schrift und Wort im Shitstorm endet, in der Frustration. Mein Argument ist kein Argument? In meiner Gruppe, in meinem Meinungskokon schon. Also bleibt es da, also wird es eingegrenzt statt entgrenzt. Die Kraft, die sich nach draußen wendet, wird zur Attacke eingesetzt.

Was entsteht, sind kommunikative Löcher. In Dresden, in Kreuzberg. Wer sie da reingeschossen hat, der mag mal drüber nachdenken, ob nicht bald ein lachender Dritter auftaucht. Der sich als freundlicher Makler vorstellt und doch nur der Extremist eigener Interessen ist.

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