Kreuzberg : Einpacken im Blumengroßmarkt

Letzter Tag in der Kreuzberger Halle vor dem Umzug nach Moabit. Fast die Hälfte der jetzigen Händler wird am neuen Ort nicht vertreten sein.

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Ende einer Ära. Der Kreuzberger Blumengroßmarkt schließt heute. Der Betrieb geht in einer Halle an der Moabiter Beusselstraße weiter. Aber viele der angestammten Händler ziehen nicht dorthin um.
Ende einer Ära. Der Kreuzberger Blumengroßmarkt schließt heute. Der Betrieb geht in einer Halle an der Moabiter Beusselstraße...Foto: Uwe Steinert

Die rosa Pfingstrosen aus Holland, 80 Cent das Stück, müssen noch eine Nacht auf ihre Befreier warten. Ingo Büchner vom Schnittblumenhändler Skowasch packt die Kübel mit den Rosen zurück auf die Rollwagen, dann geht es hinter Schloss und Riegel in den Kühlraum. Es ist kurz nach neun, Feierabend im Blumengroßmarkt an der Friedrichstraße. Am heutigen Sonnabend wird hier zum letzten Mal gehandelt, dann ziehen zehntausende Blumen auf das Großmarktgelände in Moabit um, und eine mehr als 120-jährige Tradition geht zu Ende.

Umzug? Peter Glas, ehemals Vorstand in der Händler-Genossenschaft, empfindet dieses Wort als trügerischen Euphemismus. „Das ist ein völlig neues Konzept. Kapitalismus pur!“. Zwölf der 26 Händler ziehen nicht mit, darunter auch Glas, der Floristik-Verpackungen anbietet. Die alte Genossenschaft befindet sich in Liquidation. Künftig haben die landeseigene Großmarkt GmbH und der größte Einzelmieter, die Erzeugergemeinschaft Landgard, das Sagen.

Kleinere Gärtnereibetriebe wie die Firma Gasch aus Kladow sehen sich als Verlierer. „Wir hätten die Topfpflanzen bei Landgard abgeben müssen. Das wollten wir nicht“, sagt Wolfgang Gasch, der den Familienbetrieb in dritter Generation führt. Landgard, einer der führenden Pflanzenanbieter europaweit, hatte bei den Verhandlungen ein Monopol auf Topfpflanzen durchgesetzt. Die Großmarkt GmbH wollte Landgard als Ankermieter unbedingt in der neuen Halle haben. An den großen Märkten der Erzeugergemeinschaft komme in der Branche niemand mehr vorbei, sagen Insider.

Auch Peter Reinus von der gleichnamigen Gärtnerei sieht sich nach 25 Jahren aus dem Blumengroßmarkt hinausgedrängt. „Nun müssen wir uns alleine durchkämpfen“, sagt er. In Marienfelde als Nachbar des Lebensmittelgroßmarkts Metro plant Reinus einen Neustart und lädt andere Händler ein mitzumachen. Ein weiterer Ausweichort ist eine Großmarkthalle in der Lichtenberger Josef-Orlopp-Straße.

Andreas Foidl, Geschäftsführer der Großmarkt GmbH, sieht den Ausstieg kleinerer Händler als notwendigen „Bereinigungsprozess“. In der alten Halle habe es nur ein „rudimentäres“ Angebot gegeben. Durch Landgard, einem Zusammenschluss von 2000 Gärtnereien, werde es wesentlich vielfältiger. Landgard wird die Hälfte der neuen Hallenfläche nutzen. Insgesamt wird sich die Fläche des Blumengroßmarktes am neuen Standort mit 12 000 Quadratmetern mehr als verdoppeln.

Die Umsätze in der alten Halle gingen seit Jahren zurück. Das führt Foidl unter anderem darauf zurück, dass in der Peripherie von Berlin Blumengroßmärkte entstanden sind, in denen Landgard seine Marktdominanz ausspielt. „Dahin haben wir viele Kunden verloren.“ Die möchte er jetzt gerne an der Beusselstraße wiedersehen. „Wir erhoffen uns ein Umsatzplus von 10 bis 15 Prozent“, sagt Foidl.

Die alte Händler-Genossenschaft hat sich über das Ende der gewohnten Strukturen zerstritten. Gärtnereibesitzer Larsen Buchmann, ehemaliger Aufsichtsratschef, wird von seinen Kollegen angefeindet, weil er mit Landgard kooperiert. Er tat das nicht leichten Herzens. „Ich habe meine Eigenständigkeit aufgegeben.“ Lieber hätte er zusammen mit anderen Berliner Gärtnereien einen „Regio-Markt“ eröffnet, aber das sei „an der Angst der Kollegen gescheitert“.

Die alte Halle – obwohl 1998 für knapp vier Millionen Mark modernisiert – ist technisch nicht mehr auf dem neuesten Stand. Die Kiesplatten an der Fassade verweisen zudem auf die geschmacklichen Verfehlungen der 60er Jahre. Die 1965 entstandene Halle passt nicht in die Gegend, auch wenn die Friedrichstraße auf dieser Höhe unter ihren Möglichkeiten bleibt. Nun wird die Halle für das Jüdische Museum umgebaut. Die Außenhülle soll allerdings nicht angetastet werden. Die Lindenhalle, die Vorgängerin von 1886, war im Stil der Alt-Berliner Markthallen errichtet worden. Kurz vor dem Kriegsende wurde sie zerbombt.

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