Berlin : Kreuzberg: Kreative machen im alten Schmiedehof Quartier

Ekkehard Schwerk

Vom Fuß des Südhangs herauf kommen Baugeräusche; vom Gipfel des Kreuzbergs hinab ist die Verwandlung des einstigen Werksgeländes der Schultheiss-Brauerei in ein "Viktoria-Quartier" erkennbar. Dies ist auch eine Verwandlung des Viertels südlich vom Kreuzberg. Ein erster Abschnitt um den Brauerei-Schmiedehof wird heute (mit geladenen Gästen) gefeiert als ein "Quartier für Kreative". Gestern wurde an Ort und Stelle darauf hingewiesen, dass nun der zweite Abschnitt in Angriff genommen werde, den man "Parkquartier" nennt. So wird nach und nach bis ins Jahr 2004 aus einem alten Brauerei-Gelände das "Viktoria-Quartier", so genannt in Anlehnung an den Kreuzberg mit dem Viktoriapark. Und hier wird einmal auch die Berlinische Galerie endlich ansässig werden, wofür drei Baustufen vorgesehen sind, deren erste Ende 2003 genommen sein soll. Die Berlinische Galerie ist ja schon viel zu lange heimatlos, nachdem sie aus der Jebensstraße und später aus dem Martin-Gropius-Bau fortgehen musste. Sie wird im Viktoria-Quartier endlich auch hinreichenden Raum haben, zu dem ihr Publikum wieder Zugang bekommt.

Zu Brauereizeiten sprachen die Bierkutscher noch von ihrem Wirkungskreis "rund um den Schornstein". Einmal machte ich auf dem Bock hinter gemütlich bebenden Kruppen so eine Biertour einen ganzen Einsatz hindurch mit - an der Deichsel war auch "Erodes", dieser mächtige Bursche. Nie vorher oder nachher machte ich eine Kreuzberger Kneipentour genüsslicher als an jenem frühen Morgen bis zum Mittag mit dem Gespann - und kam ziemlich blau vom Bier in die Redaktion.

Der mächtige Wallach Erodes führte mit Cassius bei früheren Grünen Wochen zum Reitturnier in der Deutschlandhalle ein Zehner-Gespann, beladen mit Bierfässern, im Galopp an. Ein herrliches Bild! Hinter den beiden gingen Don und Dante, die anderen Namen habe ich nicht mehr im Kopf. Zur Ehre von Erodes und Cassius sei ihr Unterschied genannt: Dickster unter den Dicken war Cassius, größter unter den Mächtigen der Fuchswallach Erodes. Ehre ihrem Andenken wie dem der Gespanngenossen wie der Kutscher!

Heute geht es nicht mehr "rund um den Schornstein", sondern es ist von "Loft-Living" die Rede, wenn vom Leben in Atelierwohnungen die Lehnsrede ist, von "Townhouses" (Stadthäusern), und irgendwo auf dem Brauereigelände entsteht auch ein "Wellness-Fitness" - und wo dies und jenes Ereignis auf dem Grundstück zur Unterhaltung geboten wird, da sprechen die Quartiers-Manager von "Event-Locations". Altbekanntes - hier Brauereigebäude - wird ausgehöhlt wie die Sprache. Aus den ausgehöhlten Werksgebäuden werden andere Räume. Wo Erodes, Don, Dante, Cassius und Kollegen seinerzeit zu meiner Zeit (um 1975) nach der Biertour durch Kreuzberg die Fesseln in einem flachen Becken gekühlt bekamen, da residiert jetztirgend eine "Europe-Groupe". Es wird auch an dieser Kreuzberger Stelle ein kolossaler Wandel sichtbar.

Und ein noch weiterer Rückblick als zu "Erodes" Lebzeit rundet sich: Vor 110 Jahren, 1891, kaufte Schultheiss der seit der Jahrhundertmitte glücklos brauenden "Berliner Brauerei Aktiengesellschaft" das alles hier am Südhang des Kreuzberges ab. Es war übrigens ein Jobst Schultheiss, der diesem Bierbegriff den Namen gegeben hatte.

So steckt hinter aller Neuheit des Viktoria-Quartiers - wenn auch versteckt - eine entfernte Erinnerung an eine alte Braustatt.

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