Kreuzberg : Mit Kiezläufern gegen junge Schläger

In Kreuzberg sollen Streetworker mit krimineller Vergangenheit die Mitglieder von Jugendbanden auf den rechten Weg bringen. Im Kiez stößt das Projekt nicht nur auf Zustimmung.

Tanja Buntrock

Sie treffen sich in Einkaufszentren, auf Spielplätzen oder streifen in Gruppen durch den Kiez: die Neuköllner Killer Boys, die Schiller Gang, die Juniors, die Spinne … Die Jugendbanden haben es auf teure Klamotten, Handys oder MP3-Player der Gleichaltrigen abgesehen, im Kiez verbreiten sie Angst vor allem unter den Kindern und Jugendlichen. Rund ein Dutzend gewalttätiger Gruppen ist der Polizei bekannt, auch wenn die Ermittler nicht von „Jugendbanden im klassischen Sinne“ sprechen wollen. Denn die meisten Banden sind in ständig wechselnder Zusammensetzung unterwegs und lösen sich manchmal bereits nach Wochen wieder auf.

Versuche, das Problem mit den Jugendbanden in den Griff zu bekommen, gab es schon viele – mit unterschiedlichem Erfolg. So hatten Sozialarbeiter in Neukölln vor einigen Wochen gehofft, die Rivalitätskämpfe zwischen den Neuköllner Killer Boys (NKB) und den Jungs von „Lippe 44“ aus der Lipschitzallee beenden zu können, indem man die Mitglieder beider Gruppen zusammen an einen Tisch bringt. „Doch das Ding ist richtig nach hinten losgegangen“, sagt ein Ermittler. Denn die einst rivalisierenden kriminellen Jungs verstanden sich bei dem Treffen so gut, dass ihre Banden kurzzeitig „fusionierten“. Als „Neue Lippe 44“ zogen sie durch die Einkaufszentren und hielten gemeinsam nach „Opfern“ Ausschau. Allerdings hielt das Gemeinschaftsprojekt nur wenige Wochen. „Momentan ist wieder Ruhe eingekehrt“, heißt es in Polizeikreisen.

Im Gegensatz zu den „klassischen“ Jugendgangs der 90er Jahre haben die Gruppen heute keine einheitliche Kleidung, keine Statuten und halten auch keine regelmäßigen Treffen ab. Sie finden eher zufällig an bestimmten Plätzen im Kiez zueinander und gehen dann „gemeinsam jemanden abziehen“. In einer internen Analyse sprach die Kriminalpolizei Anfang des Jahres noch von elf Jugendgruppen, die in wechselnder Besetzung kriminell werden.

Einen neuen Weg im Kampf gegen die Kriminalität geht der Senat momentan im Kiez rund um die Naunynstraße in Kreuzberg. Dealer, Kiffer, Hehler und Jugendgruppen machen hier den Anwohnern und Passanten oft das Leben zur Hölle. Seit kurzem sind dort drei „Kiezläufer“ im Einsatz: Ali S. (37), Kaio K. (32) und Selime D. (30) sollen die Jugendlichen wieder auf den richtigen Weg bringen. Die drei haben selbst eine kriminelle Vergangenheit – mit diesem Werdegang sollen sie einen besseren Zugang zu den Jugendlichen finden. Vor allem Ali S. hat in den 90er Jahren als Mitglied der berüchtigten Kreuzberger Türkengang „36 Boys“ die Straßen unsicher gemacht.

Das Projekt „Kiezläufer“ ist zunächst auf drei Monate begrenzt. Doch es stößt im Kiez nicht nur auf Begeisterung. „Es gab schon einige Treffen mit den Anwohnern“, sagt ein Ermittler. „Viele glauben, dass die neuen Kiezläufer nicht die geeigneten Personen sind.“ Manche Nachbarn misstrauen den Streetworkern wegen ihrer kriminellen Vergangenheit und befürchten, dass sie sich mit den heutigen Problemkindern verbrüdern könnten. Auch die Polizisten im Kiez reagieren zuweilen noch skeptisch, weil die neuen Helfer rechtlich „überhaupt nicht ausgebildet“ seien. Trotzdem: Den Ansatz finden alle gut. Deshalb wollen Polizei und Quartiersmanager mit den „Kiezläufern“ eng zusammenarbeiten.

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