Kreuzberg : Patient in Not – Pfleger verließen ihn

Ein schwerkranker Mann lag zu Hause in seinem Blut, als die Feuerwehr kam. Der Chefarzt der Rettungsstelle meint, dass der "Fall ist symptomatisch für Mängel in der ambulanten Versorgung" sei.

Florian Ernst

Die Feuerwehrmänner mussten die Tür der Kreuzberger Wohnung aufbrechen – und fanden dahinter einen 89-jährigen Mann, der in seinem Blut lag. Von den Pflegern die zuvor den Notfall festgestellt und gemeldet hatten, keine Spur.

Ein extremer Fall, aber für den Chefarzt der Rettungsstelle des Vivantes Klinikums am Urban, Michael de Ridder, ist er symptomatisch für die Zustände in der ambulanten Pflege. De Ridder muss sich oft mit vernachlässigten und unzureichend gepflegten Patienten beschäftigen. Dennoch ist er über diesen Vorfall besonders empört: „Dass jemand in einem Notfall zurückgelassen wird, gab es noch nicht.“

Für die Überprüfung der ambulanten Pflegedienste in Berlin ist der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) zuständig. Der MDK kann bislang keine Zahlen über die festgestellten Mängel bei kontrollierten Pflegediensten vorlegen. Derzeit würden die umfangreichen Dokumentationen der einzelnen Prüfungen noch nicht statistisch ausgewertet, was sich aber ab 2011 ändern soll, sagt Hendrik Haselmann vom MDK Berlin-Brandenburg. „Irgendetwas, das verbessert werden kann, finden wir eigentlich immer.“

Bei Mängeln sei es immer die Frage, wie gravierend diese sind. „Die Pflegeinrichtungen haben die Hauptverantwortung bei der Qualitätssicherung. Wir können als MDK nicht neben jedem Pflegebett stehen“, so Haselmann. Die große Anzahl an Pflegebedürftigen mache das unmöglich. Deshalb werde nicht nur geprüft, sondern gleichzeitig beraten. Der MDK hilft den Anbietern dabei, das hauseigene Qualitätsmanagement zu verbessern.

Viele Menschen, die Probleme bei der Pflege feststellen, wenden sich auch an die Beratungs- und Beschwerdestelle „Pflege in Not“. 150 Anrufe gehen dort pro Monat ein, sagt Gabriele Tammen-Parr von der Beratungsstelle. Nur etwa fünf Prozent beträfen allerdings ambulante Pflegedienste. Bei zwei bis drei Anrufen im Monat beschwere sich jemand, weil er selbst oder ein Angehöriger von einem ambulanten Dienst nicht korrekt gepflegt wird.

Im Falle des von der Pflegerin alleine gelassenen 89-jährigen Kreuzbergers setzte sich Rettungsstellenchef de Ridder mit dem beauftragten Pflegedienst in Treptow in Verbindung, um die Hintergründe zu klären. Der Pflegedienst sprach in einem Antwortschreiben lediglich von einem „dreiseitigen Kommunikationsproblem“ als Ursache des Vorfalls – de Ridder stellte das nicht zufrieden.

Der Mann, der an einem Darmtumor im fortgeschrittenen Stadium litt, wurde nach Darstellung des zuständigen Pflegedienstes wie jeden Tag von einer Krankenschwester besucht. Dabei habe sie festgestellt, dass er am Morgen altes Blut gespuckt hatte. Die Krankenschwester habe den Patienten versorgt und die Zentrale des Pflegedienstes über den Zustand des Mannes informiert. Danach sei sie nach Absprache mit der Dienststelle zum nächsten Patienten weitergefahren, einem Diabetiker, der seine Insulin-Injektion benötigte. Mittlerweile sei eine weitere Pflegerin hinzugekommen, die den Mann wie jeden Morgen wusch, bettete und lagerte. Dabei erbrach er ein weiteres Mal Blut. Auch die zweite Pflegerin habe den Vorfall der Dienststelle, gemeldet, weil sie der Meinung war, dass der Mann ins Krankenhaus müsste. Der stellvertretende Pflegedienstleiter rief daraufhin zwar den Hausarzt des Patienten an, forderte aber die Pflegerin auf, ihre Tour fortzusetzen. Erst der Hausarzt habe dann den Pflegedienst aufgefordert, den gefährdeten Mann ins Krankenhaus bringen zu lassen.

Der Inhaber des verantwortlichen mobilen Pflegedienstes, Joachim Born, will den Vorfall nicht herunterspielen: „So was darf nicht passieren.“ Es sei klar, dass die Entscheidung des stellvertretenden Pflegedienstleiters falsch gewesen sei und sich so ein Vorfall nicht wiederholen dürfe. Als Konsequenz sei das Arbeitsverhältnis des Mitarbeiters beendet worden.

Der Fall zeige aber auch ein generelles Problem, mit dem die Mitarbeiter ambulanter Pflegedienste täglich konfrontiert seien, so Born. Für jeden Patienten hätten sie nur ein sehr begrenztes Zeitbudget. Hinzu komme, dass die Mitarbeiter von Pflegediensten keine Befugnisse hätten, Entscheidungen gegen den Willen des Patienten zu treffen. „Wir werden aber sofort verantwortlich gemacht, wenn etwas falsch läuft.“ Zum Beispiel sei die Wohnsituation des Mannes auch aus der Sicht des Pflegedienstes nicht befriedigend gewesen. Der Patient habe aber jede Veränderung abgelehnt.

Auch Chefarzt de Ridder sieht im hohen Termin- und Kostendruck, dem das Pflegepersonal ausgesetzt ist, ein „Grundproblem“. Dabei seien es nicht nur mobile Pflegedienste, sondern auch Hausärzte, die ihre Verantwortung nicht richtig wahrnähmen.

Die Sprecherin der Kasse bezeichnet das Verhalten der beteiligten Pfleger im Falle des 89-jährigen Kreuzbergers als „absolut inakzeptabel“. Der Pflegedienst sei aufgefordert worden, weitere Konsequenzen zu ziehen und müsse in einem Anhörungsverfahren Qualitätssicherungsmaßnahmen nachweisen. „Es muss sichergestellt werden, dass ein derartiges Fehlverhalten künftig ausgeschlossen wird.“

Der hochbetagte Mann aus Kreuzberg verstarb mehrere Tage nach dem Vorfall an den Folgen seines Tumorleidens. Florian Ernst

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben