Kreuzberg : Politikertrip ins Junkiemilieu

Zwei Bundestagskandidaten der SPD bereisen die Drogenszene an der U8 zwischen Hermannstraße und Kottbusser Tor. Erkenntnis der Tour: Das Drogenmillieu verlagert sich weiter nach Neukölln.

Ferda Ataman

Öffentliche Nahverkehrskunden in Berlin sind allerhand gewohnt. Wohl deswegen beachtet kaum jemand die Menschentraube im Scheinwerferlicht, die am U-Bahnsteig Hermannstraße im Weg steht. Die meisten drängen genervt vorbei. Dabei gibt es so etwas nicht alle Tage: Zwei SPD-Kandidaten im Wahlkampf, die eine „drogenpolitische Rundreise“ durch ihren Bezirk anbieten. Die problembezogene Entdeckungsreise mit den Bundestagskandidaten Fritz Felgentreu und Björn Böhning führt entlang der U8, einer stark frequentierten Dealer- und Junkiemeile. Zwischen Hermannstraße und Kottbusser Tor sollen dabei „Betroffene zu Wort kommen“ und „Lösungsansätze erörtert“ werden.

Ein Drittel der Konsumenten von harten Drogen sind Migranten, berichtet die erste Expertin, Claudia Kienzler von Confamilia. Um den Schauplatz der Drogenbeschaffungskriminalität zu begutachten, wird die Gruppe in die Zwischenebene der Haltestelle Hermannstraße geführt. Ein paar Stufen höher, bei Zugwind und Uringestank, erfährt der Interessierte von Anwohner Jan Remer, dass hier ab nachmittags Dealer rumstehen und auf Kunden warten. Kienzler ergänzt: „Die Dealer sprechen niemanden einfach so an, die Konsumenten wissen selbst, wo sie ihre Verkäufer finden.“ Die Sozialarbeiterin will unnötige Ängste der Anwohner vor der Drogenszene vermeiden. Nächste Station, U-Bahnhof Leinestraße: Auch hier beruhigt Kerstin Schmiedeknecht vom Quartiersmanagement, „bei uns gibt es eigentlich keine Problemlage“, Armut und Integrationsmangel seien weitaus größere Probleme.

Die Drogentour zeigt jedoch: Die Szene verlagert sich Richtung Neukölln. Seit die Bürgerinitiative vom Kottbusser Tor für Aufsehen gesorgt hat, kontrollieren Polizei und BVG dort stärker. Und je leerer der „Kotti“ wird, desto mehr Junkies und Dealer sieht man an anderen Orten der U8. Es klingt nach Bedauern, als Astrid Leicht von Fixpunkt e.V. berichtet, die Junkies kämen nicht mehr so zahlreich. Der BVG-Trip zeigt außerdem: Zu den Problemen gibt es verschiedene Meinungen, nur an einem Punkt sind sich alle einig: „Ein drogenfreies Berlin wird es nicht geben.“ Der Satz stammt von Sabine Bätzing (SPD), Drogenbeauftragte des Bundestags und Stargast der Entdeckungsreise. Ferda Ataman

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