Berlin : "Kreuzberg": Schokoladenseiten

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Ausdrücklich nur die Schokoladenseiten des Stadtteils hat die Kunstamtsleiterin Krista Tebbe in dem kleinen Büchlein "Kreuzberg" zusammengestellt, und das sind viele. Zwar ist das fünf Mark teure Heft so klein, dass es in jede Jacken- oder Handtasche passt, aber es enthält 400 Adressen, 400 Fotos und sieben Karten zu Kultur, Einkaufen und Ausgehen. Auch nach dem Mauerfall und dem Aufblühen der Ost-Berliner Szeneviertel hat Kreuzberg einiges zu bieten. Ein in Rubriken unterteiltes Register vereinfacht die Suche nach Bars und Buchhandlungen, Kinos und Kitschläden, Museen und Markhallen.

Deutsches Technikmuseum, Hebbel-theater, Tanzschulen, Treffpunkte für Linke, Alte oder Kinder - Kreuzberg ist reicher als Zehlendorf, zumindest, was Kultur, Kontaktmöglichkeiten und Kuriositäten betrifft. Dem Alternativ-Bezirk des alten West-Berlin haftet zwar wegen der vielen armen Menschen, die dort leben, öffentlich eher ein von Klischees geprägtes Schmuddelimage an. Und der Lebensstandard der 150 000 Einwohner ist nicht eben groß. Zwei Drittel der Bausubstanz stammen aus der Zeit vor 1918, ein Drittel der Bewohner besitzen keinen deutschen Pass.

Dem statistisch niedrigsten Durchschnittseinkommen steht jedoch - oft kaum wahrgenommen - eine Vielzahl von Kulturinstitutionen, verrückten Cafés, Restaurants, Läden und Werkstätten gegenüber - ein Reichtum, einmal mehr ein Beleg für die berühmte und noch immer existente "Kreuzberger Mischung".

Der einzige Nachteil des gelungenen Service-Büchleins: Man braucht gute Augen oder eine Lupe, um die sehr klein gedruckten Informationen zu lesen. "Entdeckt mich!", scheint Kreuzberg sagen zu wollen, nicht schreiend, sondern - kleingedruckt - flüsternd.

Aber einen echten Kreuzberger oder Kreuzberg-Liebhaber schreckt das nicht. Denn Kreuzberg ist, ganz bescheiden, etwas Besonderes, schreibt der Schriftsteller Michael Wildenhain in einem Grußwort. Es habe eine gewisse Aura, einen eigenen, unbeschreiblichen Geruch von Steinen und Straßenzügen und Fassaden. Man befinde sich dort "am richtigen Platz, der sich mit keinem anderen vergleichen lässt".

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