Kreuzberg : Seitenweise Kiez-Abenteuer

Die "Kreuzberger Chronik" wird zehn Jahre alt. Ihr Gründer und Herausgeber Hans W. Korfmann lässt sich von Passanten Kiez-Geschichten erzählen und schreibt sie auf. Das Konzept ist so erfolgreich, dass es sich inzwischen in mehreren Bezirken etabliert hat.

Matthias Oloew
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Herausgeber Korfmann schreibt Kiezgeschichten. -Foto: Q

BerlinEr liebt Abenteuer. Vor allem Geschichten über Abenteuer. Hans W. Korfmann findet sie jeden Monat in seiner Nachbarschaft, rund um die Bergmannstraße in Kreuzberg. Dort lässt er sich von den Menschen ihre Geschichten erzählen und schreibt sie auf, für die Kreuzberger Chronik, das Stadtteilmagazin mit dem eigenwilligen Format. Wenn man sein Leben innerhalb von zwei Stunden erzähle, hat ihm mal eine Frau gesagt, die er porträtierte, dann sei das wie ein Abenteuer.

Korfmann verbindet mit der Chronik also mehrere Leidenschaften. Die für Kreuzberg, fürs Schreiben und für Abenteuergeschichten. Folgerichtig widmet er die gerade erschienene Jubiläumsausgabe auch einem Ort, der besonders für Abenteuergeschichten geeignet ist – dem Meer. "Kreuzberg am Meer" ist das Motto der 100. Ausgabe, mit der Korfmann, Herausgeber und Redakteur in Personalunion, das zehnjährige Bestehen des Heftes feiert. Außerdem wird heute im Hof des Kreuzberger Büchertischs am Mehringdamm gefeiert. Es gibt Musik, Lesungen und Gespräche. Aber was am Ende dabei herauskommt, weiß auch Korfmann nicht. Wieder ein Abenteuer.

Angefangen als Ein-Mann-Betrieb

Das war es auch, als er 1998 anfing, für das Heft zu schreiben. Zunächst im Auftrag der Buchhandlung Chronika am Marheinekeplatz, die das Heft herausbrachte. Später als Eigentümer. Niemand garantierte Korfmann, dass er von dem Heft und den Anzeigen würde leben können. Bekannte, die er ansprach, ob sie nicht mitmachen wollten, winkten ab. Also versuchte er es fast im Alleingang und verpasste dem monatlich erscheinenden Magazin das Konzept, das er erst jetzt, zum Jubiläum, etwas verändert.

Das heftdominierende Porträt ist geblieben, aber statt die Geschichte der Kreuzberger Straßen aufzuschreiben, sind es nun Geschichten über einzelne Häuser. Der ehemalige Tip-Chefredakteur Karl Hermann wechselt sich in einer neuen Kolumne mit Satiriker Dr. Seltsam ab, die "Mein liebster Feind" betitelt ist. Und als neue Autorin hat Korfmann Zora del Buono, Redakteurin der Zeitschrift "Mare", geholt. Sie feiert er mit einem Porträt, dafür liefert sie Auszüge aus ihrem neuen Buch und schreibt auch gleich mit an einer unterhaltsamen Beweiskette der Chronik-Autoren, die erklären, warum es keineswegs eine Sinnestäuschung sei, dass Kreuzberg am Meer liege.

Konzept in vielen anderen Bezirken kopiert

Es ist der genaue Blick auf einen besonderen Stadtteil, der Korfmann und seine Autorenschaft auszeichnet. Es dominiert der leise Ton, liebevoll bis heiter, aber – gerade in der letzten Zeit – auch deutlich melancholisch. Zum Beispiel, wenn es um die Veränderungen geht, die dem Stadtteil ihren Stempel aufdrücken. Etwa über die sanierte Markthalle, das neue Gesundheitszentrum in der Bergmannstraße, das Verschwinden von Baulücken und damit Freiräumen für die Kreativität der Menschen. Korfmann greift diese Veränderungen ganz bewusst auf. "Die Bergmannstraße ist eine Touristenmeile geworden", sagt er, "Bekannte trifft man jetzt eher in den Seitenstraßen." Dort finden er und seine Autoren noch genügend Stoff, um die Chronik zu füllen. Aber: "Früher waren die Menschen offener und auch ein bisschen ehrlicher." Ihnen ihre Geschichten zu entlocken, falle inzwischen schwerer.

Der Erfolg der Chronik macht immerhin so viel Eindruck, dass die Idee schon diverse Mal kopiert wurde. In mehren Bezirken erscheinen Magazine, die nicht nur im Heftformat, sondern auch inhaltlich ähnlich sind. Zuerst hatte sich Korfmann darüber geärgert. Jetzt wertet er es als Kompliment. Ein Kompliment ist auch, dass sich das unentgeltlich ausliegende Heft mit seiner Auflage von 3000 Exemplaren komplett durch Werbung finanziert. Zu Zweidritteln sichert es das Auskommen des Herausgebers. Den Rest verdient er sich als Autor für andere Zeitungen, zum Beispiel als Reporter für die Reiseseiten. Am liebsten fährt er spontan los, ohne sich groß vorzubereiten, aber neugierig, sich Geschichten über fremde Leute und Länder anzuhören. Abenteuergeschichten sind das natürlich.

Die Chronik feiert ihr Jubiläum am 6. September ab 18 Uhr im Hof des Kreuzberg-Büchertischs, Mehringdamm 51.

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