Kreuzberg : Staatsbesuch in Little Istanbul

Bundespräsident Horst Köhler war zu Gast im Kreuzberger Jugendzentrum Naunynritze.

Ferda Ataman
Bundespräsident Horst Köhler in
Interessierter Gast. Bundespräsident Horst Köhler zeigte sich beim Besuch der Naunynritze beeindruckt. „Es sollten ruhig mehr...Foto: Wolfgang Kumm/dpa

BerlinAbsolut souverän: Der Bundespräsident schüttelt den Jugendlichen mit den gegelten Haaren und weiten Hiphop-Klamotten die Hand, jedem einzelnen, als wären sie wichtige Diplomaten. Dabei ist Horst Köhler selbst der Botschafter, ein Mann mit Anzug aus dem Regierungsviertel, der im Jugendzentrum Naunynritze zwei Bilder entgegennehmen soll, Geschenke von Laienkünstlern aus zwei Straßenprojekten. Köhler dankt, lächelt, grüßt. Er wirkt, als würde er für die Kameras ständig vor Wänden posieren, die über und über mit bunten Graffiti besprüht sind. „Es sollten ruhig mehr Leute mitbekommen, was sich hier im Viertel alles tut“, sagt Köhler mit den Gastgebern solidarisierend.

Sein Auftritt in der schwarzen Limousine hat Aufsehen erregt in „Little Istanbul“, wie viele diesen Teil Kreuzbergs rund um die Naunynstraße nennen, weil hier viele Türken leben. „Echt cool, dass der Präsident mal zu uns nach Kreuzberg kommt“, sagt Olgun Tunc, ein 17-jähriger Schüler vom Hermann-Hesse-Gymnasium. Er darf als Teilnehmer des Programms „StreetUniverCity“ sogar kurz mit Köhler sprechen. Bisher hat Olgun nur türkischstämmige Politiker zu Gesicht bekommen, so wie die meisten der Jugendlichen hier. „Cem Özdemir oder Özcan Mutlu sieht man hier schon mal“, sagt Olgun, „aber andere kommen eigentlich nicht nach Kreuzberg.“

Auch Ezgi Özcan findet es schön, dass sich der Bundespräsident persönlich ein Bild von ihrem Kiez macht. Die meisten Deutschen hätten Angst vor Kreuzberg, meint sie. Über ihrer engen Jeans trägt Ezgi ein schwarzes T-Shirt mit dem Logo der „StreetUniverCity“. Die 17-Jährige war eine der Ersten, die an dem Projekt teilgenommen haben, für das sich Köhler am Montag interessiert. Sie hat hier einen „Master“ gemacht, sozusagen einen akademischen Grad in Straßenkultur.

2007 startete das Vorhaben, politische Bildung in Brennpunktbezirken anders zu gestalten – also nicht allein mit Lehrfilmen in Schulräumen. Über 40 Jugendliche aus Migrantenfamilien haben bislang am außerschulischen Lehrprogramm teilgenommen. Viele von ihnen machen Abitur und hoffen dadurch auf bessere Jobchancen. Denn wer regelmäßig teilnimmt, erhält ein Abschlusszertifikat und kann das Bewerbungen beifügen. Andere interessieren sich eher für die Box- oder Filmkurse und nehmen die Seminare in Gesellschaftskunde dafür in Kauf.

Ezgi Özcan erinnert sich an das Polizeiseminar, bei dem sie und 18 weitere StreetUniverCity-„Studenten“ eine Polizeistation besuchten. „Ich will mal Anwältin werden“, sagt sie, „das hat mich echt beeindruckt.“ Auch Olgun Tunc erinnert sich noch gut an das Seminar mit den Männern in Grün: „Die haben uns unsere Persönlichkeitsrechte erklärt“, sagt er. Zum Beispiel, dass er Einspruch erheben kann, wenn jemand ein Foto von ihm veröffentlicht, ohne ihn zu fragen. Das sei eine wichtige Information.

„Wir machen hier Entwicklungsarbeit“, sagt Jonathan Aikins, ein großgewachsener 20-Jähriger, der sein Zeugnis bereits hat. Er zupft sein modisches Tuch im Haar zurecht und erklärt: „Man wächst an der Ausbildung und das wirkt sich positiv auf andere in Umfeld aus.“ Jonathan scheint im Rhetorik-Seminar gut aufgepasst zu haben, seine Ausdrucksweise überrascht. Bei ihm kann man sich vorstellen, dass auch er eines Tages im Anzug durch Jugendzentren spaziert und Grüße der Regierung überbringt, so wie Köhler heute.

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