Berlin : Kreuzberg vor der Wahl: "Ich kann den Hass auf die USA verstehen, weil ich Muslim bin"

Brigitte Grunert

"Ich verurteile von Herzen den grauenvollen Terroranschlag auf die USA", sagt der türkischstämmige Ahmed Algan. Aber: "Ich kann den Hass in der islamischen Welt auf die USA etwas verstehen, weil ich Muslim bin." Und was den Gegenschlag betrifft: "Die Rache ist unmenschlich. Das ist blinder Hass." Wie bitte? Da bemüht Herr Algan die Segnungen des Rechtsstaates: "Bin Laden und seine Leute sind von keinem unabhängigen Gericht schuldig gesprochen worden. Es gibt nur Verdächtigungen." Herr Algan kandidiert für das Abgeordnetenhaus.

Gewiss, er ist ein chancenloser Einzelkandidat im Wahlkreis 3 von Friedrichshain-Kreuzberg rund um das Schlesische und Kottbusser Tor. Aber warum tritt er dann überhaupt an? "Es gibt 55 000 eingedeutschte Muslime in Berlin. Sie werden von den Politikern ignoriert und fühlen sich von den Parteien vielleicht nicht vertreten. Ich will sie zu den Wahlurnen bringen, das ist mein Ziel", sagt er sanft. In diesem Wahlkreis kandidieren auch türkischstämmige Vertreter der FDP, PDS und Grünen. Özcan Mutlu (Grüne) hat den Wahlkreis 1999 gewonnen. Bei den Parteien findet der strenggläubige Muslim Ahmed Algan, der es gern sieht, dass seine Frau Kopftuch trägt, "die Rechte des Islam, die uns zustehen", nicht gut aufgehoben.

Er kam 1970 als Gastarbeiterkind nach Berlin, brachte es zum Maschinenbau-Ingenieur und arbeitet als technischer Aufsichtsbeamter bei der Unfallkasse Berlin für den öffentlichen Dienst. Der 44-Jährige ist Vater von sechs Kindern. 1980 gründete er zusammen mit seinem Bruder und anderen die Islamische Föderation Berlin, deren Verwaltungsrat er angehört. Und er ist Vorsitzender des Trägervereins der Islamischen Grundschule in Berlin. Die Islamische Föderation, die sich gerade den Religionsunterricht in der Schule erstritten hat, wird vom Verfassungsschutz ebenso beobachtet wie die politische islamische Organisation Milli Görüs. Beide gelten als fundamentalistisch. Ahmed Algan betont, dass er im Gegensatz zu seinem Bruder nicht Mitglied von Milli Görüs ist.

Wer unterstützt seinen Wahlkampf? "Niemand offiziell", sagt er. Nach eigenem Bekunden kandidiert er "gegen den Willen der Islamischen Föderation". Die finde es "zu früh für eigene Kandidaten". Nur der Vorsitzende des türkisch-islamischen Unternehmerverbandes Müsiad, Ali Uzun, wolle sich an den Druckkosten für seine Flugblätter beteiligen. Müsiad gehört wiederum wie der Pressesprecher von Milli Görüs, Hasan Akyol, und der Verwaltungsratsvorsitzende der Islamischen Föderation, Burhan Kesici, zum "Bündnis für eine gemeinsame Zukunft", das davon zunächst Kandidaten aufstellen wollte, aber davon Abstand genommen hat. "Algan hat keine Unterstützung vom Bündnis", sagt Akyol.

"Ich mache gar nicht richtig Wahlkampf, ich habe auch noch keinen Pfennig dafür ausgegeben", meint Algan wieder sanft lächelnd. Erst kurz vor der Wahl will er seine Flugblätter in Moscheen und türkischen Läden anschlagen, nach dem Freitagsgebet in Moscheen verteilen. Darin steht nichts von seinen Aktivitäten zur Stärkung des Islam. Er stehe, liest man, für "Ehrlichkeit, Integration, Religionsfreiheit, Kulturvielfalt, Transparenz, Umweltschutz, Toleranz, Sicherheit." Gegen die Parteien will er Stimmung machen: "Zeigen Sie in Kreuzberg den Parteien Ihren Protest und Unmut. Wählen Sie einen Bürger, der nicht im Sumpf der Parteien steckt."

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