Kreuzberg : Warten auf die Vertreibung

Der Streit um das Zentrum gegen die Vertreibung und seine Vorsitzende Erika Steinbach eskaliert, aber im "Deutschlandhaus“ gegenüber dem Anhalter Bahnhof in Kreuberg steht die Zeit still. Dort soll das umstrittene Zentrum hin.

Claudia Keller
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Sitz des geplanten Zentrums. Das „Deutschlandhaus“ in Kreuzberg.Foto: Mike Wolff

Probebohrungen in den Wänden sind bislang das Einzige, was sich im „Deutschlandhaus“ in der Stresemannstraße getan hat. Während der Streit mit Polen um das geplante Zentrum gegen Vertreibungen auf Regierungsebene eskaliert, ist es dort sehr still, wo das geplante Dokumentationszentrum entstehen soll. Es soll sich über drei Etagen im „Deutschlandhaus“ erstrecken, auf 1200 Quadratmetern ist eine Dauerausstellung geplant, eine kleinere Fläche ist für Wechselausstellungen vorgesehen. Bislang aber nur auf Papier.

Der aus den 30er Jahren stammende Gebäudekomplex gegenüber der Ruine des Anhalter Bahnhofs in Kreuzberg muss zuerst komplett saniert und umgebaut werden. „Wir wollen dieses Jahr noch den Architektenwettbewerb ausschreiben“, sagt Rüdiger Jakesch, der Vorsitzende des Berliner Landesverbandes des Bundes der Vertriebenen (BdV). Er sitzt in einem kleinen Büro in der vierten Etage des „Deutschlandhauses“. An der Wand hängt eine Landkarte der Bundesrepublik und eine Ostpreußens. Nebenan haben die Landsmannschaften ihre Büros, etwa die Banater Schwaben und die Siebenbürger Sachsen. Auf dem Flur stehen Vitrinen mit Vertriebenen-Devotionalien, vom Königsberger Marzipan bis zu Stadtansichten von Stettin.

Vor der Sanierung des Hauses müssten alle Mieter ausziehen, außer dem Vertriebenen-Verband und den Landsmannschaften sind das die Bundeszentrale für politische Bildung, die Geschäftsstelle des Holocaust-Mahnmals, das Bündnis für Demokratie und Toleranz, der Deutsche Entwicklungsdienst und das Institut für Städtebau. Die Bundeszentrale und das Bündnis für Demokratie und Toleranz wollen zum Jahresende Kisten packen.

Rüdiger Jakesch ist aber skeptisch, ob es dieses Jahr noch zum Architektenwettbewerb kommen wird. „Solange der Stiftungsrat nicht installiert ist, passiert nichts.“ Träger der „Stiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ ist das Deutsche Historische Museum, das in eine Bundesstiftung umgewandelt wurde. Der BdV will einen der drei für ihn vorgesehenen Plätze im Stiftungsrat mit BdV-Präsidentin Erika Steinbach besetzen, polnische Politiker wehren sich dagegen. Im 13-köpfigen Stiftungsrat sind außerdem das Bundesaußen- und das Bundesinnenministerium vertreten, die Kirchen und der Zentralrat der Juden. Polen wehre sich nur deshalb so vehement gegen das geplante Zentrum, weil es dann aus seiner Opferrolle herausmüsse, sagt Jakesch. „Die Polen waren eben nicht nur Opfer, sondern auch Täter.“

Die Dauerausstellung, die einen Großteil des Dokumentationszentrum einnehmen soll, wird unterdessen vom „Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland“ in Bonn vorbereitet. „Da war auch mal ein Mitarbeiter hier und hat sich im Haus umgeschaut“, sagt Jakesch. Die Schau soll an die vielbeachtete und gelobte Ausstellung „Flucht, Vertreibung und Integration“ anknüpfen, die 2006 im Deutschen Historischen Museum gezeigt wurde. Im Vordergrund stand damals die Flucht und Vertreibung der Deutschen aus den ehemaligen Ostgebieten und ihre Eingliederung in die Bundesrepublik.

Die geplante Ausstellung soll sich aber nicht nur auf die deutschen Vertriebenen konzentrieren, sondern auch das Schicksal von Millionen von Menschen in Osteuropa und Russland dokumentieren, wie es die Ausstellung „Erzwungene Wege“ des BdV 2006 unternommen hat. Die Vergewaltigungen deutscher Frauen durch Soldaten der Roten Armee am Ende des Zweiten Weltkriegs waren damals aber nicht in einem eigenen Ausstellungskomplex thematisiert worden; ob das im künftigen Zentrum geschehen soll, ist nicht bekannt. Steinbach hatte kürzlich daran erinnert: „Wir stellen Bundeswehrsoldaten, die aus Afghanistan heimkehren, Psychotherapeuten an die Seite. Aber den alten Frauen, die damals reihenweise vergewaltigt worden sind, hören wir nicht zu.“

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