Kreuzberg : Wut auf Drogenszene am Kottbusser Tor wächst

Die Händler am Kottbusser Tor vertreiben Junkies zunehmend auf eigene Faust. Sozialarbeiter fürchten, dass Anwohner Selbstjustiz üben. Eine neue Bürgerinitiative will die Lage entschärfen.

Ferda Ataman
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Problemfall "Kotti": Gewerbetreibende und Anwohner fühlen sich zunehmend von Dealern und Junkies belästigt. Bezirksbürgermeister...Foto: Mike Wolff

Die Blumenverkäuferin Yadigar Igde reißt die Ladentür auf und macht eine Bewegung, als würde sie Hühner verscheuchen. „Geh bitte woanders hin“, sagt sie zu einer jungen Frau. Die lehnt an ihrem Laden im U-Bahnhof Kottbusser Tor, blass, mit strähnigen Haaren und einem Schäferhund an der Leine, sie hat soeben eine Pille eingeschmissen. Jetzt trottet sie weiter. „Ich kann die Miete für mein Geschäft nicht mehr bezahlen“, klagt Yadigar Igde laut, und sie erklärt leise: „Die Kunden schrecken vor diesen Gestalten zurück.“ Die 50-jährige Türkin arbeitet seit 1982 im Kreuzberger Bahnhofsuntergrund, Junkies und Drogenverkäufer sind für sie eigentlich nichts Neues. Doch inzwischen ist sie mit den Nerven völlig am Ende. „Es werden einfach zu viele.“

Der Betreiber eines Eiscafés, oben auf dem Platz, ist ebenfalls wütend: Auf seinem Klo haben Junkies Blutspritzer und benutze Heroinspritzen hinterlassen. „Das ist eine Katastrophe“, sagt Gonzalo Fiallos, „zu mir kommen Kunden mit Kindern.“ Inzwischen verjage er verdächtig aussehende Menschen gleich an der Tür, „auch wenn sie nur vor dem Café stehen“. Doch seit er das macht, sei ihm drei Mal die Fensterscheibe eingeschlagen worden.

Die Szene ist aggressiver geworden – das bestätigen viele Gewerbetreibende. Dafür gibt es mehrere Gründe: Die Szene vor Ort hat sich geändert, der „Kotti“ wurde zum Pilgerort für unzählige neue Junkies und Dealer, nachdem sie in anderen Stadtteilen nicht mehr geduldet wurden. Hinzu kommt, dass seit 2008 Rückzugsräume wie in Parkhäusern oder Wohnungen der GSW verschwinden, weil diese kontrolliert werden.

Die Berliner Polizei beobachtet einen „Trend zum illegalen Handel mit Medikamenten“. Zwar sei der Platz „Schwerpunkt polizeilicher Interventionsmaßnahmen“, doch auf den ersten Blick ist zu erkennen, dass die Beamten in Grün den Kotti nicht unter Kontrolle haben. „Ich würde mich nicht wundern, wenn die Anwohner bald selber sauber machen“, sagt Eisverkäufer Fiallos achselzuckend.

Der türkischstämmige Sozialarbeiter Ercan Yasaroglu kann sich das ebenfalls vorstellen. Er kenne viele türkische Väter aus der Nachbarschaft, „die jederzeit bereit sind, mit Baseballschlägern auf Dealer loszugehen“. Sie wollten nicht länger mit ansehen, wie die Hehler ihren Nachwuchs zum Drogenkonsum verführen. „Wenn ihre Kinder als Drogenkuriere und Konsumenten benutzt werden, platzt ihnen der Kragen“, sagt Yasaroglu.

Um eine Selbstjustiz der Väter zu verhindern, unterstützt der Sozialarbeiter eine Initiative der Kremer Hausverwaltung vom „Kreuzberg Zentrum“ zusammen mit dem Betreiber der Kneipe „Möbel Olfe“. So haben Anwohner und Gewerbetreibende Ende 2008 einen offenen Brief an Bezirksbürgermeister Franz Schulz (Grüne) geschickt, in dem es heißt: „Wir sind nicht länger bereit, dieser Entwicklung tatenlos zuzusehen, können das Problem aber ohne Unterstützung nicht lösen.“ Rund 80 Bürger haben sich dem Aufruf bereits angeschlossen.

Der Bezirksbürgermeister erkennt das drängende Problem: „Ich nehme den Brief sehr ernst.“ Vor kurzem traf er sich mit den Kreuzberger Akteuren, dem Quartiersmanagement, Verwaltungsmitarbeitern, der Polizei und BVG, um über den Konflikt zu sprechen. Es wurden Vorschläge zur Lösung des Problems notiert, etwa, Toilettenhäuschen für Junkies aufzustellen oder die Öffnungszeiten der Fixerstube zu verlängern. „Es geht uns nicht darum, die Drogenszene in einen anderen Kiez zu verdrängen“, sagt Kneipenbetreiber Richard Stein, der die Initiative mit ins Leben gerufen hat, „wir wollen nur die Situation vor Ort entschärfen.“

Damit das gelingt, will sich Franz Schulz im Februar ein weiteres Mal mit den Anwohnern und Geschäftsleuten versammeln und „Lösungen erörtern“.

Für die Blumenfrau Yadigar Igde klingt das nicht vielversprechend. „Wir brauchen härtere Gesetze“, sagt sie kurz, „und die schafft kein Bezirksbürgermeister.“ Dann muss sie wieder vor ihr Geschäft, einen schnurrbärtigen Dealer vertreiben. Ferda Ataman

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