• Kreuzberger gegen Drogenabhängige: Anwohner haben genug von Methadon-Ausgabe in Berliner Familienkiez

Kreuzberger gegen Drogenabhängige : Anwohner haben genug von Methadon-Ausgabe in Berliner Familienkiez

Methadon-Patienten in den Berliner Außenbezirken statt am Bahnhof Gneisenaustraße? Bezirksbürgermeisterin Herrmann schaltet sich in die Debatte in Kreuzberg ein.

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Ärger im Untergrund: Die Drogenabhängigen vom Bahnhof Gneisenaustraße sollen bald weiterziehen.
Ärger im Untergrund: Die Drogenabhängigen vom Bahnhof Gneisenaustraße sollen bald weiterziehen.Foto: Felix Hackenbruch

Der Streit über die Methadon-Patienten, die sich täglich am Kreuzberger U-Bahnhof Gneisenaustraße treffen, beschäftigt nun auch den Bezirk. „Wir kennen die Situation dort und haben den bezirklichen Suchtbeauftragten gebeten, mit den Betreibern der Methadon-Praxis in der Bergmannstraße Kontakt aufzunehmen“, sagte die Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg, Monika Herrmann (Grüne), am Freitag.

Wie berichtet, hatte eine Anwohner-Gruppe Alarm geschlagen, weil rund 15 Drogenabhängige täglich in einer Methadon-Abgabestelle im nahen Bergmannkiez erst ihren Ersatzstoff einnehmen und sich anschließend am U-Bahngleis treffen. Etwa zehn Anwohner hatten geklagt, dass sie sich nicht mehr sicher fühlen, und – ebenso wie die BVG – von Gewalt, Beleidigungen und Müll berichtet. Auch der Polizei ist die Situation bekannt. Bewerten will man sie zwar nicht, steht aber nach eigener Auskunft im ständigen Kontakt mit dem Ordnungsamt und der BVG. „Um das Sicherheitsgefühl“ zu steigern, gebe es gemeinsame Streifen mit dem Sicherheitsdienst der BVG.

Im vergangenen Jahr hat die Polizei insgesamt 106 Einsätze am U-Bahnhof Gneisenaustraße durchgeführt, die zu „diversen Platzverweisen“ führten. Kriminalstatistisch fällt der Bahnhof nicht sonderlich auf. Auf Anfrage teilt die Polizei mit, dass 2016 im Bereich des U-Bahnhofs drei Anzeigen wegen Beleidigung, acht Anzeigen wegen vorsätzlicher Körperverletzung sowie eine Anzeige wegen Nötigung erstattet wurden. „Die Zahlen bewegen sich im Vergleich zu den Vorjahren auf gleichbleibendem Niveau“, heißt es von der Polizei. Am Wochenende wollen sich die Anwohner nun treffen und das weitere Vorgehen besprechen.

Immer mehr Beschwerden

„Wir wollen einen Brief an den Bezirk und an den Senat schicken“, kündigt die Mitinitiatorin Beatrice T. an. „Es geht nicht darum, Leute auszugrenzen, sondern eine Lösung für alle zu finden.“ Eine Methadon-Ausgabestelle mitten im Familienkiez könne keine Option sein. Nachdem T. am Wochenende dafür plädiert hatte, dass die Abhängigen ihren Ersatzstoff in den Außenbezirken konsumieren sollten, kann sie sich inzwischen vorstellen, dass dies unter Aufsicht in Kliniken geschieht. Donald Orlov-Wehmann hat kein Verständnis für die Forderungen der „Zugezogenen“, wie er T. und ihre Mitstreiter nennt (siehe "Anmerkung der Redaktion" unten).

„Denen fehlt die Toleranz“, sagt er. Orlov-Wehmann hat die Methadon-Praxis in der Bergmannstraße bereits 1993 eröffnet. Neben normalen Patienten versorgt er auch rund 300 Drogenabhängige medizinisch. Für den Arzt ist der aktuelle Streit ein Ausdruck der Gentrifizierung, die in Kreuzberg seit Jahren anhalte. „Die Methadon-Patienten waren schon da, bevor die Leute da waren, die sich jetzt beschweren.“ Die Kreuzberger Mischung sei rund um den Bergmannkiez immer mehr verschwunden. Das spüre er auch in seiner Praxis. Bis vor wenigen Jahren wurden dort Methadon- und andere Patienten am selben Ort behandelt.

„Unser Konzept war es, niemanden auszugrenzen, das Wartezimmer war eine Begegnungszone“, sagt Orlov-Wehmann. In den vergangenen Jahren habe es dann immer mehr Beschwerden gegeben, bis man sich vor zwei Jahren dazu entschlossen habe, die Ausgabestelle in eine Nebenstraße zu verlegen. „Dort haben wir einen permanenten Wachschutz und klare Hausregeln.“ Probleme mit der Nachbarschaft seien die Ausnahme. Die meisten seiner Methadon-Patienten würden auch keinen Ärger machen. „Mehr als die Hälfte der Substituenten arbeiten regelmäßig und gehen vertrauensvoll mit dem Ersatzstoff um“, sagt der Arzt.

„Da kümmert sich politisch überhaupt niemand“

Methadon sei kein hochproblematischer Stoff. „Das eigentliche Problem sind weitere Abhängigkeiten, Persönlichkeitsstörungen und Einsamkeit.“ Für die aktuelle Situation an der Gneisenaustraße macht der Arzt Senat und Bezirk verantwortlich. Es gebe einfach keine Begegnungsorte mehr für Drogenabhängige, weil in den letzten 15 Jahren viele Einrichtungen aus Kostengründen geschlossen worden seien. „Da kümmert sich politisch überhaupt niemand.“ „Es gibt in der Tat keine Aufenthaltsräume für Drogenabhängige“, gibt Bezirksbürgermeisterin Herrmann zu.

Auch die aufsuchende Sozialarbeit fehle dem Bezirk. Die Forderung der Anwohner, die Abhängigen sollten in die Außenbezirke auswandern, hält sie aber für „indiskutabel und absurd“. „Dass es Leute stört, wenn Menschen in der Öffentlichkeit trinken, kann ich nachvollziehen, aber das muss man eben auch ein Stück weit aushalten.“

Anmerkung der Redaktion: Nach Erscheinen dieses Artikel hat sich Beatrice T. erneut beim Tagesspiegel gemeldet. Sie legt Wert auf die Feststellung, sie habe nie gefordert, Ausgabestellen in die Außenbezirke zu legen.

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