Kreuzberger Nächte : Massentourismus nervt die Bewohner im Szene-Kiez

28.02.2011 15:52 UhrVon Stefan Jacobs
Straßenmusiker und Partyvolk: Im Sommer leiden die Anwohner an der Admiralbrücke unter der Lärmbelästigung. Foto: Rainer Jensen
Straßenmusiker und Partyvolk: Im Sommer leiden die Anwohner an der Admiralbrücke unter der Lärmbelästigung. - Foto: Rainer Jensen

Zoff in der Partyzone: Die Kreuzberger regen sich über die negativen Begleitumstände des Berlin-Tourismus auf. Der Grünen-Abgeordnete Dirk Behrendt will sich des Problems jetzt annehmen.

Die Lage in Kreuzberg scheint ernst zu sein. Sonst würde das Motto der Diskussionsveranstaltung an diesem Montagabend nicht „Hilfe, die Touris kommen!“ heißen. Auf Einladung des lokalen Grünen-Abgeordneten Dirk Behrendt wollen Wirtschafts- und Stadtplanungspolitiker mit einem Tourismuswerber von Visit Berlin über die Auswirkungen des Tourismus auf den Wrangelkiez diskutieren. Nachdem das Bezirksamt wegen Protesten geplagter Anwohner im vergangenen November schon den Neubau von Hostels in Friedrichshain beschränkt hat, scheint jetzt auch die Kreuzberger Spreeseite ein Problem mit den Touristen zu haben.

Dirk Behrendt sagt, dass „die Leute zunehmend genervt sind“.

Der Ärger reiche von nächtlichem Lärm um Partyorte wie Lido, Lux und Watergate bis zur Ausbreitung von Nullachtfünfzehn-Gastronomie und steigenden Gewerbemieten. Behrendt will mit der Diskussion ein „Problembewusstsein schaffen, denn das Motto kann nicht sein: Tourismus um jeden Preis und überall“.

Andererseits ist der Tourismusboom längst Berlins bedeutendster Wirtschaftszweig. Mehr als 200 000 Jobs hängen an Hotellerie und Gastronomie. Der Friedrichshain-Kreuzberger Bezirksbürgermeister Franz Schulz (Grüne), der den weitgehenden Neubaustopp für Billighotels veranlasst hat, beobachtet die Entwicklung genau. Für eine Bilanz sei es noch zu früh, aber kurz nach dem Bezirksamtsbeschluss habe er einen Hostel-Investor abblitzen lassen, der für sich eine Ausnahme reklamieren wollte. Auch im jetzt diskutierten Wrangelkiez habe es vor vier Jahren erst ein solches Billighotel gegeben, „und jetzt sind es drei oder vier“. Damit es nicht in ein paar Jahren doppelt so viele sind, sei der Baustopp nötig. Die Regelung enthält Größenbeschränkungen für Hostels und verlangt beispielsweise separate Eingänge, um die Nachbarn zu schonen.

Ein weiteres Kreuzberger Problem, die nächtens von Partygängern und Touristen belagerte Admiralbrücke, wird nach Auskunft von Schulz am Dienstag das Bezirksamt beschäftigen. Am Ende des Mediationsverfahrens gebe es jetzt mehrere Vorschläge, die den Bezirksverordneten unterbreitet werden sollen.

Ein ganz anderes Problem mit dem Tourismus hat der Wohnunternehmensverband BBU: Wo immer neue Hotels, Gastronomie und Dienstleistungen entstehen, müssten auch immer neue Wohnungen für die – oft mäßig bezahlten – Beschäftigten verfügbar sein. „Darüber macht sich seltsamerweise niemand Gedanken“, sagt BBU-Sprecher David Eberhart und verweist auf das Beispiel der neuen Europacity am Hauptbahnhof: „Dort sind 30 Prozent Wohnanteil vorgesehen. Das heißt, 70 Prozent sind für andere Zwecke.“ Daraus ergebe sich eine Schieflage, die angesichts des zunehmenden Wohnungsmangel umso schwerer wiege. Um die Chancen von Wohnungsbauherren gegenüber zahlungskräftigen Hotelketten zu verbessern, solle bei künftigen Grundstücksverkäufen nicht allein das Geld entscheiden, sondern das beste Konzept.

Burkhard Kieker, Chef der Tourismuswerber von Visit Berlin, findet die aufkommende Debatte richtig – „damit es nicht dazu kommt, dass man irgendwann voneinander genervt ist“. Deshalb müsse der Tourismus auch verstärkt in der Stadtplanung berücksichtigt werden, angefangen von profanen Bedürfnissen wie öffentlichen Toiletten. Für problematisch hält Kieker die Umwandlung von Wohnhäusern in Feriendomizile, die vor allem in Mitte viele Alteinwohner vertrieben hat und den von vielen Vorschriften regulierten Hotels das Leben schwerer mache. Kieker sagt, nach seinem Eindruck fühlten sich die meisten Berliner bisher geehrt vom Interesse der Welt. Und das solle auch so bleiben.

Diskussion am heutigen Montag, 19 Uhr, „Centrum“, Cuvrystraße 13–14

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