Kreuzberger Schule : Kerzen für die Lehrerin

Die Kinder der Aziz-Nesin-Grundschule bekommen jetzt psychologische Unterstützung.

Ferda AtamanD

Auf den Fluren der Aziz-Nesin-Grundschule herrscht lautes Durcheinander wie in jeder Pause – nur in einem Bereich des Kreuzberger Neubaus hüpft kein Kind herum. Hier sprechen die Schüler mit gedämpfter Simme. „Ich mache ein Foto“, sagt ein Mädchen zu ihren Freundinnen. Sie stehen vor der kleinen Gedenkstelle, die hier seit kurzem aufgebaut ist: Blumen liegen unter einem Bild ihrer Lehrerin Ayse Banu Ö., die vor fünf Tagen in Istanbul erschossen wurde. Zwischen den vielen Sträußen flackert eine kleine Kerze.

Die Lehrerin war aus dem Weihnachtsurlaub in der Türkei nicht zurückgekehrt. Als sie ihren Mann Turgut Ö. in Istanbul besuchte, haben die beiden offenbar einen Streit gehabt, der für sie tödlich endete.

Laut türkischen Medienberichten wurde die 50-jährige Ö. am 3. Januar gegen vier Uhr morgens von ihrem zweiten Ehemann mit einer Pistole erschossen. Der 58-Jährige habe demnach kurz darauf die Tat gestanden und sich in Begleitung eines Anwalts der Polizei gestellt. Er will nicht gewusst haben, dass die Waffe geladen war, er habe sie nur erschrecken wollen.

Doch der Tod der beliebten Lehrerin bleibt vielen in Deutschland unerklärlich: „Warum hat der Mann überhaupt eine Waffe bei sich“, fragt jemand auf der türkischen Internetseite „Kenthaber“, der sich im Namen ihrer Schüler aus der Klasse 6A äußert. „Er war schließlich kein Polizist oder sowas“, schreibt der Internetblogger weiter.

Vor 28 Jahren war die türkischstämmige Deutsche Ö. nach Deutschland gezogen, nachdem sie einen Berliner Türken geheiratet hatte. Doch die Ehe ging in die Brüche und Ayse Ö. zog ihre zwei Töchter alleine groß. Erst 2007 heiratete sie wieder, diesmal Turgut Ö., der in der Türkei lebt. Nach Informationen des Tagesspiegels ist der Mann Inhaber einer Firma in Istanbul, die unter anderem mit Material für Bergbau und Bauarbeiten handelt. Laut Handelsregister ist unter seinem Namen seit 2007 auch ein Geschäft in Berlin registriert, Anschrift ist die Wohnung seiner toten Frau Ayse Banu.

Die Nachbarn der Lehrerin in Wilmersdorf hätten den Ehemann nie gesehen, sagen sie. „Wir haben mitbekommen, dass sie 2007 geheiratet hat und regelmäßig in die Türkei fuhr“, sagt ein Mann aus dem Erdgeschoss. „Sie hat uns immer türkische Süßigkeiten mitgebracht, wenn sie zurückkam“, sagt er traurig.

„Sie war ein ganz toller Mensch“, sagt die Schulleiterin Demet Siemund, „die ganze Schule trauert um sie.“ Ayse Banu Ö. hat sich seit der Gründung der Europaschule vor zwölf Jahren für die Einrichtung engagiert.

Damit die Kinder mit dem Tod ihrer Lehrerin klarkommen, hat der Senat seine Hilfe angeboten. „Das ist eine Ausnahmesituation“, sagt Jens Stiller von der Senatsverwaltung für Bildung. Die Lehrer müssten lernen zu reagieren, wenn die Schüler trauern, etwa, indem sie die Kinder anhalten, ihre Gefühle in Briefen an die Verstorbene zu formulieren. Eine Schulpsychologin soll morgen an einem Elternabend teilnehmen und Ratschläge geben. Ferda Ataman

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