Berlin : Krieg der Mäuse

Der Film „Im Westen nichts Neues“ löste 1930 Nazi-Krawalle aus – Erinnerungen eines Kinoleiters

Andreas Conrad

Die Premiere von Lewis Milestones’ „Im Westen nichts Neues“ am 4. Dezember 1930 im Mozartsaal am Nollendorfplatz war ein gesellschaftliches Ereignis ersten Ranges. Auch die erste Vorführung tags darauf verlief störungsfrei, in der zweiten ging es los. Anfangs Zwischenrufe, denen man durch größere Lautstärke begegnete, „aber der Tumult wurde immer wilder, an allen Ecken des Theaters brüllten Volksredner, und die wüstesten Beleidigungen und Beschimpfungen erfüllten die Luft“, berichtet Kinoleiter Hanns Brodnitz in seinen erst jetzt veröffentlichten Erinnerungen. „Der Skandal wurde von Minute zu Minute stärker. Der Tonsteuerer gab ein zweites Mal das Lichtzeichen, da inzwischen von allen Seiten Stinkbomben in den Zuschauerraum geworfen worden waren, die (...) die Nervosität des Publikums auf das äußerste steigerten, zumal im Parkett wie im Rang des Theaters aus kleinen Pappkartons weiße Mäuse in solcher Zahl losgelassen wurden, daß man auf einen Ausverkauf dieses Artikels in sämtlichen Berliner einschlägigen Tierhandlungen schließen konnte.“

Der Krawall war eine der großen kulturpolitischen Niederlagen der Weimarer Republik, inszeniert vom Berliner Gau- und Reichspropagandaleiter der NSDAP, Joseph Goebbels. Der Mob der Straße diktierte die Politik: Erst wurden Vorführungen unmöglich gemacht, dann wurde erreicht, dass der Film, der die Zensur unbeanstandet passiert hatte, nach erneuter Prüfung verboten wurde. Heute wissen nur noch wenige von den Vorgängen im Mozartsaal, dem heutigen Goya-Club. Ganz in Vergessenheit geraten ist der 1902 in Berlin geborene Kinoleiter Hanns Brodnitz, den der Skandal ruinierte und der dadurch, zumal als Jude, ins Visier der Nazis geriet und 1944 in Auschwitz umkam. Immerhin, seine Erinnerungen ans Kino der Weimarer Zeit, an die Jahre als Theaterleiter und auch die Ereignisse um „Im Westen nichts Neues“ sind jetzt doch noch erschienen, ergänzt um Beiträge der Filmhistoriker Gero Gandert und Wolfgang Jacobsen vom Berliner Filmmuseum. Das Büchlein hatte Brodnitz Anfang 1933 in Druck gegeben, der Sieg der Nazis verhinderte die Veröffentlichung. Die Druckfahnen von „Kino intim“ aber blieben erhalten.

Die zwischen Anekdotenhaftem und Essayistischem pendelnde Textsammlung ist ein kulturgeschichtliches Kleinod, spannend nicht nur für Filmhistoriker. Brodnitz war nicht irgendein Kinobetreiber, sondern, wie Gero Gandert im Vorwort schreibt, „der einzige bedeutende Kinomanager der Vorhitlerzeit“. Er leitete große Uraufführungskinos in Berlin und der Provinz, setzte sich erfolgreich für Außenseiterfilme wie für Hollywood-Streifen ein, verkörperte Kinokultur im besten Sinne. Selten gleitet er ins rein Plaudernde ab, setzt vielmehr Schnitte durchs kulturelle Leben, entwirft Utopien einer großartigen, bis heute unverwirklichten Kinoarchitektur, porträtiert gleichfalls vergessene, doch für die Zeit charakteristische Figuren der Filmszene wie den Impresario Sam Rachmann, einen Parvenü, der aber Ernst Lubitsch und Emil Jannings nach Amerika brachte. Oder aber Brodnitz gedenkt der Rolle, die weiße Mäuse in der deutschen Filmgeschichte gespielt haben.

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Hanns Brodnitz: Kino intim. Eine vergessene Biographie. Verlag Hentrich & Hentrich, Teetz. 252 Seiten, 24 Euro.

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