Berlin : Kriegerische Thesen in Neukölln

Ein Vortrag zum Thema Migranten und Terror erregte Zuhörer im Rathaus

Christian Tretbar

Die hohe Geburtenrate unter Muslimen ist die Ursache für die wachsende Terrorgefahr – das behauptet der Soziologe Professor Gunnar Heinsohn. Es gebe in über 100 Krisenregionen einfach zu viele junge Männer ohne Perspektive. „Und das sind alles potenzielle Krieger“, sagt Heinsohn. Es ist eine seiner umstrittenen Thesen, die er am Montagabend im Rathaus Neukölln auf Einladung der Wohnungsbaugesellschaft „Stadt und Land“ vortrug. Ulrika Zabel vom Migrationsdienst der Caritas fragte sich danach: „Was will man mit so einem Vortrag für Neukölln erreichen?“ Eigentlich wollte sie danach in der U-Bahn etwas lesen, aber sie konnte nicht. Zu sehr hätten sie die Worte des Professors aufgewühlt.

Heinsohn hat an der Universität Bremen einen Lehrstuhl für Sozialpädagogik inne und gilt als „Völkermordexperte“. Die Atmosphäre seines Vortrags im abgedunkelten Saal der Bezirksverordnetenversammlung war gespenstisch. Er kritisierte, dass viele Staaten, darunter auch Deutschland, die hohen Geburtenraten der „Bildungsfernen“ mit üppigen Transferleistungen unterstützen. „Die Karrierefrau braucht das Geld nicht, aber die bildungsfernen Schichten kumulieren die Leistungen dadurch, dass sie immer mehr Kinder bekommen“, so Heinsohn. Dadurch gebe es weltweit auch immer mehr „potenzielle Krieger“. In Deutschland seien es vor allem die Migranten, die auf diese Weise an Geld kämen.

„Spätestens in 50 Jahren wird Deutschland dann muslimisch sein“, prophezeit der Professor. Dort, wo die Transferleistungen an Forderungen geknüpft wurden, hätten sich die Geburtenraten und die Konflikte verringert. Als Beispiele nannte er den Libanon, Algerien und Tunesien.

In Deutschland gebe es zudem zu viele unqualifizierte Migranten. Deshalb fordert er ein Umdenken. Als Beispiel dafür führte er Kanada an, wo man „erst mal 90 000 Dollar hinlegen muss, um rein zu dürfen“. Dass Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg eine so friedliche Entwicklung genommen habe, liegt für Heinsohn nur daran, dass den Deutschen die „potenziellen Krieger“ ausgegangen seien „und nicht an dem ethisch-diskursiven Geseier.“

Es sind Sätze wie diese, die viele im Saal verstören. „Über vieles kann man ja diskutieren, und einiges hat seine Berechtigung, aber diese subtile und populistische Argumentation – das war teilweise menschenverachtend und diskriminierend“, sagt Zabel. In Neukölln habe man einen guten Weg eingeschlagen und „da fragt man sich schon, was so etwas dann soll“. Auch Ülker Radziwill, Vorsitzende der Arbeitsgruppe Migration der SPD, reagierte verstört: „Ich habe nicht alles gehört, aber das, was ich mitbekommen habe, hat mich überrascht und schockiert.“

Doch nicht alle empfanden Heinsohns Thesen als Zumutung. „Man muss ja nicht alles teilen“, sagt die Stellvertretende Neuköllner SPD-Fraktionsvorsitzende Eva-Marie Schoenthal. Auch Bijan Atashgahi von der SPD-Fraktion fand den Vortrag „nicht schlecht“. Endlich habe man einen Beweis für das, was Bürgermeister Heinz Buschkowsky schon lange sage. Dieser war aus gesundheitlichen Gründen nicht gekommen. Aber er hatte den Anstoß zum Heinsohn-Vortrag gegeben. Rudolf Kujaht, Geschäftsführer von „Stadt und Land“, unterstützte den Bürgermeister und versuchte die Frage nach der Intention zu beantworten: „Wir wollen zum Nachdenken anregen mit etwas, was man sonst nicht zu hören bekommt.

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