Kriegsende vor 70 Jahren : Sowjets stellen die Weichen in Berlin

Kaum ist der Zweite Weltkrieg vorbei, stellen die Sowjets die Weichen in der Stadt und rekrutieren Politiker für den Neuanfang. Linke, Liberale und Konservative bilden den Einheitsmagistrat, in dem die KPD dominiert.

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Walter Ulbricht übernahm die Macht - mit Direktiven aus Moskau.
Walter Ulbricht übernahm die Macht - mit Direktiven aus Moskau.Foto: akg-images

Und was kommt nun? Das ist die alles beherrschende Frage, als der Krieg endlich aus ist. Während das befreite Aufatmen in nackter Angst vor der Rache der Russen erstickt, die plündernd und vergewaltigend Schrecken verbreiten, tritt der sowjetische Stadtkommandant Nikolai Bersarin in ganz Berlin als Ordnungsmacht auf. Im Rückblick ist es verblüffend, wie schnell die Weichen neu gestellt wurden. Damals ahnte es keiner, Informationen gab es nicht.

Pünktlich zur Kapitulation Berlins am 2. Mai sind zehn KPD-Emigranten aus Moskau mit Direktiven für den Aufbau der Berliner Verwaltung zur Stelle, angeführt von Walter Ulbricht, dem späteren DDR-Chef. Wegen der Versorgung der Bevölkerung schickt Stalin am 9. Mai sogar seinen Ernährungskommissar Anastas Mikojan nach Berlin.

Demokratischer Schein

Ortsteil für Ortsteil hat die Rote Armee die Stadt erobert und vorläufige Ortsbürgermeister eingesetzt, so Pfarrer Heinrich Grüber in Kaulsdorf, Klaus Gysi (KPD, Vater von Gregor Gysi, DDR-Kulturminister) in Nikolassee. Mit den Worten „Du Bürgermeister oder tot!“ wird der spätere Bundesminister Ernst Lemmer (CDU) im Vorort Kleinmachnow verpflichtet.

Ruckzuck rekrutiert die „Gruppe Ulbricht“ Linke, Liberale und Konservative für einen Einheitsmagistrat nach dem Motto: „Es muss demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben“, wie Ulbricht von seinem damaligen Mitstreiter Wolfgang Leonhard dann im Westen zitiert wird. Bereits am 13. Mai bestätigt Generaloberst Bersarin den Magistrat, den er am 19. Mai feierlich ins Amt einführt. Der Amtssitz, das Neue Stadthaus in der Parochialstraße, ist nur ein paar Schritte vom zerbombten Roten Rathaus entfernt.

Der Name des Oberbürgermeisters sagt den Berlinern nichts – Dr. Ing. Arthur Werner aus Lichterfelde, parteilos, Jahrgang 1877. Der alte Herr wirkt alt- väterlich – dunkel gewandet, Zylinder, weißes Hemd, steifer Kragen, Uhrkette an der Weste – die wandelnde Vertrauenswerbung. Ihm ist die rein repräsentative Rolle als weiser Stadtvater und Mutmacher zugedacht. Die Russen erweisen ihm ihre Gunst, indem sie ihm eine Milchkuh spendieren.

Die Männer der KPD

Von den 17 Magistratsmitgliedern gehören neun der KPD an, was nach Lage der Dinge weder verwundert noch stört. Das starke einigende Band ist der Wille, eine Herkulesaufgabe zu meistern, die ärgste Not zu lindern und den Wiederaufbau einzuleiten. Glänzende Bürgerliche sind dabei wie der Arzt Ferdinand Sauerbruch als Stadtrat Gesundheit, der einstige Reichsernährungsminister Andreas Hermes für Ernährung, der Architekt Hans Scharoun für Bauwesen. Die Schlüsselpositionen aber haben KPD-Männer, so Ulbrichts rechte Hand Karl Maron (später DDR-Innenminister) als 1. Stellvertreter des Oberbürgermeisters, Arthur Pieck, Sohn des späteren DDR-Präsidenten Wilhelm Pieck, für Personal und Verwaltung, der spätere DDR-Außenminister Otto Winzer für Volksbildung. Eingedenk Bersarins Mahnung zur Gottesfurcht fungieren die Pfarrer Heinrich Grüber und Peter Buchholz als Beiräte für Kirchenfragen.

Fast alle hatten unter den Nazis schwer zu leiden. Hermes entging knapp der Hinrichtung. Die „Private Technikschule“ von Arthur Werner hatte die Gestapo 1942 geschlossen. Einen behinderten Sohn konnte er nur durch makabren Zufall vor der Euthanasie retten. Als der Sohn aus einer Pflegeanstalt zu Besuch war, wurde den Eltern eine Urne mit seiner angeblichen Asche zugestellt.

Noch existiert die Viermächte-Stadt nur auf dem Papier, und Stalin liegt daran, in der strategisch wichtigen Reichshauptstadt Fakten zu schaffen, bevor die drei Westmächte ihre Sektoren besetzen. Es geht also Schlag auf Schlag. Noch im Mai wird Paul Markgraf zum Polizeipräsidenten von Berlin ernannt, ein in sowjetischer Kriegsgefangenschaft umgeschulter Wehrmachtsoffizier. Bezirksämter werden ernannt und „Volksausschüsse“ als Ersatz für die Bezirksverordnetenversammlungen. So übernimmt Otto Grotewohl (SPD, später SED und Ministerpräsident der DDR) im Rathaus Schöneberg die Bezirksfinanzen, Klaus Gysi die Abteilung Sicherheit und Ordnung in Zehlendorf.

Sowjetzone ist überall

Auch die Medien stehen anfangs ganz unter sowjetischem Einfluss. Als erste Zeitung erscheint ab dem 15. Mai die von der Roten Armee herausgegebene „Tägliche Rundschau“. Wenig später folgte die „Berliner Zeitung“, anfangs mit dem Untertitel „Organ des Kommandos der Roten Armee“. Zwei Tage zuvor hatte der Berliner Rundfunk, unter dem Namen Radio Berlin, seine erste Sendung ausgestrahlt, noch vom Sender Tegel aus, dessen Sendemasten dann während der Luftbrücke von den Franzosen gesprengt wurden. Erst wenige Tage später zog der Sender in das Haus des Rundfunks in der Charlottenburger Masurenallee um. Auch durch die Person des ersten Intendanten Max Seydewitz und des Chefredakteurs Hans Mahle war der sowjetische Einfluss auf das Programm gesichert.

Wie selbstverständlich betrachtet die noch alleinige Besatzungsmacht Berlin als Teil der Sowjetzone. Sie wird die Hoheit über die Reichsbahn einschließlich S-Bahn, die Wasserstraßen und Brücken in Berlin und der Sowjetzone behalten. Richter und leitende Bedienstete mit Nazi-Vergangenheit werden entlassen, das Beamtentum abgeschafft, der „Kulturbund zur Erneuerung Deutschlands“ gegründet, und 60 ehemalige Mitarbeiter des Reichsrundfunks verlieren als ehemalige Parteigenossen ihre Arbeitsstelle. Auch für alle Lehrer, die NSDAP-Mitglieder waren, endet das Berufsleben. Lücken im ohnehin sehr geschrumpften Lehrkörper sollen die Schulen durch Quereinsteiger schließen.

Nichtkommunisten raus

In der Wald-Oberschule in Westend, die im Juni als eine der ersten wieder den Unterricht aufnimmt, soll nun auf Verlangen des sowjetischen Bildungsoffiziers auch Russisch-Unterricht erteilt werden, was zwei Frauen aus dem Baltikum übernehmen. Fremdsprachen unterrichtet ein ehemaliger Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes – eine typische Situation im Berliner Bildungswesen der ersten Nachkriegszeit.

Am 10. Juni verfügt Stadtkommandant Bersarin mit Befehl Nummer 2 die Gründung „antifaschistischer Parteien“ und Gewerkschaften, die in einer Einheitsfront zusammenarbeiten sollen. Tags darauf formiert sich die KPD-Leitung für Berlin und Brandenburg. Der „SPD-Zentralausschuss“, die CDU und LDPD (heute FDP) für Berlin und die Sowjetzone folgen.

Erst Anfang Juli rücken die Amerikaner und Briten, im August die Franzosen ein. Bersarin erlebt das Viermächte-Arrangement nicht mehr, er kam am 16. Juni bei einem Motorradunfall ums Leben. Der Magistrat hat jetzt die strikten Weisungen der Alliierten Kommandantur aller vier Mächte in Dahlem zu befolgen, die Bezirksämter die Befehle ihrer Sektorenkommandanten. Nur gehen die Uhren in den Westsektoren irgendwie anders. Hier entwickelt sich das Leben etwas freier und materiell besser, Kommunisten werden als Bezirksstadträte entfernt, Kulturbund und Volksausschüsse beiseitegedrängt. Im Ostsektor fegen die Russen fleißig Nichtkommunisten aus Bezirksämtern.

Ernst Reuter kämpfte unverdrossen für die Freiheit Berlins.
Ernst Reuter kämpfte unverdrossen für die Freiheit Berlins.Foto: akg-images

Gegenüber dem Magistrat spricht die Alliierte Kommandantur natürlich mit einer Stimme. Das gilt auch für die Absetzung von Sauerbruch und einem KPD-Kollegen wegen Nähe zu den Nazis sowie von Hermes, dem die KPD misstraut; die Russen setzen ihn im Dezember auch als CDU-Vorsitzenden der Sowjetzone ab, weil er die entschädigungslose Bodenreform moniert. Allerdings setzt Arthur Werner gegen die KPD den Religionsunterricht in der Schule durch. Die Kommandantur gibt ihren Segen mit der Maßgabe, dass der Religionsunterricht freiwillig zu sein hat und die Religionslehrer von den Kirchen zu stellen sind, was bis heute so ist.

Ernst Reuter und Friedrich Ebert

In Berlin macht sich der Kalte Krieg früher als anderswo bemerkbar. Bereits 1946 bröckelt die Einheitsfront. Ideologische Fronten sind bei der Zwangsvereinigung von KPD und SPD zur SED gegen erbitterten Widerstand der Mehrheit der Berliner SPD zu besichtigen. Auf Betreiben der Westmächte werden SPD und SED in ganz Berlin zugelassen, die beiden Parteien sind sich spinnefeind. Die Wahl zur Stadtverordnetenversammlung im Oktober 1946 bringt der SED mit 19,8 Prozent eine herbe Niederlage, die SPD (48,7 Prozent) wird mit Abstand stärkste Kraft. Zum Oberbürgermeister des Einheitssenats aus allen vier Parteien wird Otto Ostrowski (SPD) gewählt, aber 1947 gestürzt, die SPD wirft ihm mangelnde Distanz zur SED und den Russen vor.

Sein Nachfolger Ernst Reuter darf wiederum wegen des sowjetischen Vetos in der Alliierten Kommandantur nicht amtieren. Macht nichts, er ist der große Volkstribun für die Freiheit. Mit der Währungsreform und der sowjetischen Blockade der Westsektoren zerbricht die einheitliche Stadtverwaltung. Am 30. November 1948 ruft die SED einen „provisorischen demokratischen Magistrat“ aus. Berlin hat jetzt zwei Oberbürgermeister – im Osten Friedrich Ebert (SED), Sohn des ersten Reichspräsidenten, im Westen Ernst Reuter.

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