Berlin : Kriegsmüder Kämpfer

Steven E. Kuhn kämpfte 1991 als Soldat am Golf. Dann begann er ein neues Leben in Berlin als Bodyguard und Fitnessclub-Manager. Aber das Erlebte ließ ihn nicht los

Lars von Törne

Eine Therapie sollte es sein. Als Steven E. Kuhn vor ein paar Jahren mit dem Schreiben begann, dachte er nicht an einen neuen Irak-Krieg. Auch nicht daran, dass er eines Tages der erste amerikanische Golfkriegsveteran sein würde, dessen Memoiren auf Deutsch erscheinen. Der ehemalige Soldat, der seit den frühen 90er Jahren in Berlin wohnt, wollte schlicht sein verpfuschtes Leben wieder in den Griff bekommen. Er wollte mit den Erinnerungen fertig werden, die ihn seit jenem Einsatz im Irak vor zwölf Jahren plagten: Wie er auf dem Schlachtfeld vor Basra zwischen lauter toten irakischen Soldaten eine Leiche sah, an deren Hand ein Ehering in der Sonne glänzt. Wie ihm nach dem von den US-Truppen geduldeten Massaker der irakischen Armee an den Schiiten Basras ein irakisches Mädchen entgegenkam, das am ganzen Körper verbrannt war und das, als er ihm ein Bonbon schenkte, plötzlich übers ganze Gesicht strahlte. Besonders tief eingebrannt hat sich bei Kuhn das Bild seines Freundes Dillon, der sterbend auf einer Trage liegt. „Ich komme wohl nie drüber weg, dass ich meinem Freund das antat“, sagt der 35-Jährige bei der Vorstellung seines Buches am Dienstag. Und meint: Dass ich davonkam, während der andere sterben musste. Dieses Erlebnis war es, das den jungen Vorzeigesoldaten zum ersten Mal zweifeln ließ. Am Sinn des Krieges und an seiner Überzeugung, als Amerikaner auf der richtigen Seite zu sein.

Bis zu seinem Einsatz im Golfkrieg hat der kräftige, durchtrainierte Mann die Armee „geliebt“, sagt er. „Sie bot mir die Möglichkeit, aus der beschränkten Welt von Harrisburg, Pennsylvania herauszukommen, einen Beruf zu lernen und Patriotismus zu zeigen.“ Die Armee war es auch, die ihn Ende der 80er Jahre nach Deutschland brachte, nach Gelnhausen bei Frankfurt am Main. Bis zu jenen Kriegstagen im Februar 1991 hielt Kuhn es auch für „selbstverständlich“, dass er eines Tages „als Patriot für ein großartiges Land sterben“ könnte.

Nach dem Krieg war alles anders. „Als ich zurück in Deutschland war, konnte ich nicht mehr weitermachen wie vorher“, erzählt Kuhn. Er quittierte den Armeedienst, ließ sich gehen, erkrankte an dem, was man heute Golfkriegssyndrom nennt: Müdigkeit, Grippegefühle, Schlafstörungen, Leberprobleme. Immer häufiger wurde er aggressiv, schlug in seinem Job als Türsteher grundlos Leute zusammen. Dann lernte er Media kennen, eine junge Berliner Türkin. „Sie hat mich gezwungen, auf andere Leute zuzugehen, auch mal die andere Seite der Dinge zu sehen.“ 1995 heirateten die beiden, Kuhn bekam wieder Boden unter den Füßen. Mit seiner Frau und seinem Schwager eröffnete er die Cocktailbar „Ma- Deuce“ in Schöneberg. Nebenbei betreute er als Bodyguard- Fahrer prominente Berlin-Besucher wie Pamela Anderson oder Mick Jagger. Wenig später heuerte er bei einer Fitness-Kette an, stieg schnell auf und baute als Manager unter anderem die „Holmes-Place“-Filiale an der Friedrichstraße auf.

Dann passierte etwas, das Steven Kuhns Leben erneut änderte: Als seine Frau einen schweren Unfall knapp überlebte, wurde sich Kuhn bewusst, dass sein beruflicher Erfolg alleine ihn nicht glücklich macht. Er kündigte und begann, seine Kriegserinnerungen systematischer als bisher aufzuschreiben. Da begann der neue Krieg am Golf. Kuhns erster Impuls war, jetzt den Job von damals zu Ende zu bringen und Saddam zu verjagen. Er meldete sich als Reservist. Zur Tauglichkeitsprüfung ging er dann doch nicht. Zu unverständlich erschien ihm die Absicht der US-Regierung, den Krieg auch ohne Unterstützung der Uno zu beginnen. „Ich bin gegen diesen Krieg – aber ich bin nicht gegen mein Land oder meinen Präsidenten“, sagt er. Wenn der Krieg vorbei ist, will Kuhn erneut in den Irak reisen. Als Aufbauhelfer. Im Moment sucht er nach einer Hilfsorganisation, für die er mit anpacken kann. Das wäre dann vielleicht der letzte Schritt seiner Selbsttherapie.

Steven E. Kuhn (mit Frank Nordhausen): „Soldat im Golfkrieg. Vom Kämpfer zum Zweifler“, Ch. Links Verlag, 144 Seiten mit vielen Fotos, 9,90 Euro

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