Kriegstagebuch des Tagesspiegel-Gründers Erik Reger : "Die Nazis sind erledigt"

April 1945, die Rote Armee rückt in Mahlow ein. Erik Reger, Schriftsteller und Journalist, führt ein packendes Tagebuch über das Kriegsende vor seiner Haustür. 60 Jahre nach dem Tod des Tagesspiegel-Mitgründers wurden die Notizen wieder entdeckt – wir dokumentieren Auszüge.

Erik Reger
Zeitungsgründer. Der Journalist, Publizist, Schriftsteller, Mitherausgeber und Chefredakteur des Berliner Tagesspiegel, Erik Reger (1893-1954).
Zeitungsgründer. Der Journalist, Publizist, Schriftsteller, Mitherausgeber und Chefredakteur des Berliner Tagesspiegel, Erik Reger...Foto: dpa

Erik Reger, 1893 als Hermann Dannenberger in Bendorf am Rhein geboren, war vor und nach der Nazizeit einer der bekanntesten Schriftsteller und Journalisten in Deutschland – und ein Pionier der freien Presse nach dem Krieg. Im September 1945 wurde Erik Reger Lizenzträger, Herausgeber und Chefredakteur des Tagesspiegels, dessen erste Ausgabe am 27. September des Jahres erschien.

Von 1943 bis zum Sommer 1945 lebte Reger mit seiner Frau Christine in dem Dorf Mahlow südlich von Berlin. Über die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs vor seiner Haustür, über den Einmarsch der Roten Armee, die Lebenssituation von Einheimischen und Flüchtlingen, den Umgang der Menschen mit der Zeitenwende schrieb Reger ein packendes Tagebuch. Fünf Tage nachdem die Russen die Oder überquert hatten, begann er seine Aufzeichnungen. Am 1. Mai 1945 waren bereits alle Seiten restlos vollgeschrieben, Reger schrieb auf losen Blättern weiter. Das mit zahllosen Zetteln ergänzte Manuskript, aber auch eine Maschinenabschrift des Tagebuchs entdeckte kürzlich der Autor und Historiker Andreas Petersen, als er in der Akademie der Künste Regers Nachlass durchsah. Petersen erkannte die Bedeutung dieser Erinnerungen und bereitete die Notizen zur Publikation im Berliner Transit-Verlag vor. Wir dokumentieren Auszüge aus dem Band.

21. APRIL, SAMSTAG
Seit Mitte der Woche hat sich der Kanonendonner von der Front östlich und südöstlich Berlins verstärkt. Nach Berlin durften in den letzten Tagen nur noch Leute mit rotem Ausweis fahren. Ich besitze einen gelben. Rot ist Rüstungsindustrie, das heißt die Fiktion, daß eine solche noch existiere.
Die S-Bahn fährt sehr sporadisch. Man sagt, daß die Leute, wenn sie nach Berlin kommen, zurückbehalten und Verteidigungspositionen zugeteilt werden.
Mechanisch tut man die Dinge des Tages. Der Frontlärm bildet eine zwar drohende, aber angesichts der allgemeinen Abgestumpftheit nach so vielen turbulenten Kriegsereignissen ganz unwahrscheinlich wirkende Kulisse. Ich bestelle weiterhin den Garten, mit der Vorsicht, die dadurch geboten ist, daß ich mich beim Volkssturm dauernd krank melde. Ich tue die Gartenarbeit in der Gewißheit, daß im kommenden Sommer jedes Salatblatt wichtig sein wird, aber auch in der Ungewißheit, wer das hier Gesäte ernten wird.
Die deutschen Schlachtflugzeuge fliegen die kurze Strecke zwischen dem Flugplatz Rangsdorf und der Front hin und her, her und hin. Es sind ihrer ganz wenige. Sie steigen auf, kommen rasch zurück, nehmen jedes wieder eine Bombe an Bord und steuern erneut zur Front. Dadurch erscheint ihre Zahl größer. Im OKW-Bericht heißt es dann: "Unsere Schlachtflieger brachten den schwer ringenden Erdtruppen bei Tag und Nacht fühlbare Entlastung."
Abends nach neun erscheinen die russischen Schlachtflieger. Sie erhellen weite Strecken mit ihren lange stehenden Leuchtfackeln - ganze Alleen von Lampen, von hier anzusehen wie ein erleuchteter Rummelplatz. Man kann die Einschläge der Bomben in Richtung Erkner und Königs Wusterhausen beobachten. Das zieht sich stundenlang hin. Unheimlich sind die einzelnen, die sich aus den Verbänden lösen, über das Stadt- und südliche Randgebiet rasen, einen grünen Leuchtschirm und unmittelbar darauf zwei Bomben werfen. Ist das vorbei, dann kommen die englischen Mosquitos. Von Abend zu Abend bilden sie mehr Angriffswellen; vorgestern waren es fünf, gestern sogar sieben, immer in Abständen von einer halben bis dreiviertel Stunde. Ich schätze aber, daß wir diese Daueralarme infolge der russischen Vormärsche sehr bald hinter uns haben werden. ...
Vier, fünf Stunden lang Alarm. Gestern waren wir bis drei Uhr nachts im Keller. ... Wir sind insgesamt sieben Personen im Hause, darunter zwei Kinder von zwei und drei Jahren. Außer meiner Frau und mir zwangseinquartierte Familien aus Berlin und Breslau. Ich bin der einzige Mann.


22. APRIL, SONNTAG
... Unaufhörlich ergießt sich der Flüchtlingsstrom von Süden und Südosten her über Mahlow in Richtung Großbeeren. Alles will "zu den Amerikanern". Diese Flüchtlinge sind, genau wie die seit Anfang Februar hier einquartierten Ostpreußen, Pommeraner und Schlesier ein Kapitel für sich. Sie erwecken einerseits Mitleid, andererseits stoßen sie durch ihr anmaßendes Verhalten ab. Sie sind der Meinung, daß, weil sie alles im Stich lassen mußten, ihnen alles gehöre, was andere noch besitzen. ....
Meine Frau war einem Offizier begegnet, der ihr sagte: "Gehen Sie von hier fort zu den Amerikanern, die sind nicht so, aber der Russe -!" Auf die Frage meiner Frau: "Warum halten Sie denn die Russen nicht auf?", kam die Antwort: "Womit denn?" ....

Erik Reger mit Sohn Manfred in Wehrmachtsuniform 1943 vor dem Haus der Familie in Mahlow.
Erik Reger mit Sohn Manfred in Wehrmachtsuniform 1943 vor dem Haus der Familie in Mahlow.Foto: Andreas Petersen/Archiv

Büropersonal verbrennt im Garten des Gemeindehauses [auf dem Nachbargrundstück zum Regerschen Haus] immer noch Akten. Auch wird dort, jetzt nur noch von der alten Frau Huhn, einer Art Beschließerin und Faktotum, irgend etwas vergraben - man sagt, die Hitlerbilder. Niemand kümmert sich um all das. Niemand verhindert Vertuschungsmanöver im Gemeindehause ...
Vollkommene Apathie und Resignation ist das allgemeine Kennzeichen. Die Tatsache, daß wirklich der Wahnsinn des Kämpfens und Zerstörens bis zum letzten Zaunpfahl in Deutschland fortgesetzt wird, lastet in Verbindung mit der Russenangst und dem Gefühl, daß man nicht entgehen kann (etliche packen Wägelchen zur Flucht und bleiben dann doch - "wohin denn?" ist die ewige Frage), so sehr auf den Gemütern, daß für aktives Denken gar kein Raum bleibt. So kommt es, daß die scherzweise von uns "Bürgermeisterin" genannte, in der nationalsozialistischen Gemeindeverwaltung tonangebende Obersekretärin Krüger unbefangen ihre Rolle weiterspielen kann. Gestern hat sie noch zu meiner Frau gesagt: "Ich gebe die Hoffnung nicht auf." Die Hoffnung auf Hitlers Wunder...


23. APRIL, MONTAG
... Zehn Uhr ist vorüber. Auf den Kornäckern hinter unserem Hause sieht man die ersten Russen, vereinzelt und in Trupps. Sie sind zu weit weg, ich kann nicht erkennen, wie sie aussehen. ...
Über Berlin hängt der Rauch von Artilleriefeuer und Bränden.
Elf Uhr: zwei Russen treten durch unser Gartentor. Ich öffnete sofort die Haustür und ging ihnen entgegen. Seit dem Morgen hatte ich folgende "Maßnahmen" getroffen: auf meinem Schreibtisch liegt eine Beilage des "Berliner Tageblatts" aus dem Jahre 1932, der Sowjetunion gewidmet, illustriert, mit Stalins Bild auf der ersten Seite. ...
Die beiden, die da gekommen waren, trugen eine Art Windjacke und Trainingshosen, dazu Maschinenpistolen; verwegene Gesichter, finstere Mienen - alles in allem ebensowohl so zu deuten, daß sie selbst Furcht hatten, wie daß sie Furcht einflößen wollten. Ich sagte: "Guten Tag, da seid ihr ja", was sie in jeder Weise, auch im Mienenspiel, unbeantwortet ließen. Sie schoben sich ins Haus hinein und durchwanderten forschend die Zimmer. Wonach sie forschten, war nicht ganz klar.
Ich zeigte ihnen das Bild Stalins. Das brachte ein Lächeln auf ihre verschlossenen Züge, während sie für den Namen Schukow kein Verständnis hatten. Sie schienen etwa fünfundzwanzig Jahre alt zu sein. Typ Dorfhandwerker. Endlich fragten sie nach Schnaps. "Schnaps" konnten sie auf deutsch sagen. Ich suchte ihnen zu erklären, daß sie Schnaps vermutlich in Berlin finden würden. "Berlin kaputt", meinten sie. Ein Blick auf meine Bücher ließ offenbar eine Ahnung in ihnen aufdämmern, daß ich vielleicht tatsächlich keinen Schnaps im Hause hätte. Zögernd gingen sie.

Tagesspiegel-Gründer Erik Reger
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21.10.2016 15:00Zeitungsgründer. Der Journalist, Publizist, Schriftsteller, Mitherausgeber und Chefredakteur des Berliner Tagesspiegel, Erik Reger...


Nach wenigen Minuten zwei andere: ein älterer, bärtiger, in Monteurjacke, ein junger, balkanisch aussehender, mit schwarzem Schnurrbärtchen und grünbrauner Uniform. Der ältere sagte: "Waffen?" Schreibtisch und Schränke wurden durchsucht - so, wie von allen Soldaten der Welt, wenn sie nicht gerade geborene Sadisten sind, ein solcher Auftrag durchgeführt wird. Ich hätte hundert Waffen versteckt haben können, sie hätten sie nicht gefunden. ...
Die beiden nächsten waren schwieriger. Zwei baumlange, angetrunkene Kerle, die durchaus Schnaps wollten. Als sie endlich begriffen, daß wir keinen haben, verlangten sie, daß ich ihnen zeige, wo es welchen gibt. Meine Frau sagte mir später, daß der eine mich immerzu an der Schulter gefaßt und geschubst habe. Ich habe das gar nicht bemerkt, weil ich mich darauf konzentrierte, die Kerle mit einem Trick loszuwerden. Aber damit, daß ich undeutlich in der Gegend herumzeigte, ließen sie sich nicht abspeisen.
Im Hause schräg gegenüber wohnt Herr Heß, von dem es heißt, er sei Wein- und Spirituosengroßhändler. Ich weiß es nicht, wir haben hier immer zurückgezogen gelebt und uns um niemanden gekümmert. Ich habe nur gesehen, daß alle Mahlower Kaufleute während des Krieges Herrn Heß Waren ins Haus brachten, während andere Leute nicht einmal im Laden etwas bekamen.
Herr Heß hat sich, obwohl er Halbjude ist, unter den Nazis recht gut gehalten und sich sogar im Volkssturm betätigt, allerdings in der Regel nur als platter Witzbold im Hamburger Tonfall. Mögen die Russen ihr Glück dort versuchen, dachte ich. ...
Die Burgsdorfstraße belebt sich mit Fahrrädern, die die Russen aus den Häusern geholt haben. ... Sie radeln mit der Leidenschaft eines Jungen, der sein erstes Fahrrad bekommen hat, und die Mehrzahl muß das Radeln erst lernen. ...

Der russische Hauptmann trägt eine ähnliche Frisur wie Hitler

Wie es im einzelnen vor sich ging, wußten wir kaum zu unterscheiden, jedenfalls füllte sich die Terrasse vor dem Hause im Handumdrehen mit einer Menge Soldaten. ...
Wir verstanden, daß wir den Stab einer Fernsprecherabteilung im Hause hatten. Die Offiziere und der Dolmetscher bewunderten meine Bücher. Ich zeigte ihnen die russische Übersetzung meines Romans "Union der festen Hand", der mir vor vierzehn Jahren den Kleistpreis der Linken und den Haß und die Verfolgung der Rechten zugezogen hatte. Einer, ein Hauptmann, las aufmerksam das Vorwort des Übersetzers Max Bernstein, das über Werk und Autor orientiert. Es entspann sich ein Gespräch über Nationalsozialismus und Krieg. ... Der Hauptmann insbesondere schien, wie das in Deutschland hieß, "politisch geschult" worden zu sein. Er sprach einen Propagandasatz nach dem anderen mit religiösem Eifer. Und er hatte eine ähnliche Frisur wie Hitler.
Durchweg benahmen die Offiziere sich höflich. Auch hatten sie das bei allen Nationen übliche Maß an Allgemeinbildung, was der Skeptiker in mir auf das Konto der Spezialtruppe, der sie angehörten, buchte. Was an Mannschaften im Zimmer herumstand oder nach und nach neugierig hereinkam, war anständig. ...
"Sie haben Glück gehabt, daß Sie den Stab bei sich hatten", sagte später jemand zu mir, und ich mußte hören, daß andere Soldaten der gleichen Abteilung anderwärts ungebärdig gehaust hatten: den Inhalt von Koffern und Schubladen durcheinandergeworfen und teilweise mitgenommen, Eßvorräte vertilgt und das, was sie nicht mochten, auf die Erde geschüttet und zertreten. Ich dachte an einen der russischen Offiziere, der sich hatte angelegen sein lassen, mir den Unterschied zwischen der Wirklichkeit der Roten Armee und der deutschen Propaganda über sie klarzumachen. Gewisse Übergriffe seien im Kampfgebiet unvermeidlich, aber die deutschen Truppen hätten in Rußland systematisch Greuel begangen - wozu er Fälle jener Art anführte, von denen wir wieder und wieder nicht allein in ausländischen Radiosendungen, sondern auch in mündlichen Berichten deutscher Soldaten (solcher, die sich dessen rühmten, und solcher, die sich dessen schämten) mit stummem Schauder gehört haben. Ich habe die Erklärungen des Offiziers akzeptiert und bin geneigt, angesichts der "Taten" der nationalsozialistischen Wehrmacht - keineswegs bloß der SS - dem einfachen russischen Soldaten sogar mehr nachzusehen, als der Offizier dulden wollte.

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