Vor sechs Wochen hätte sie noch "Heil Hitler!" gerufen

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Kriegstagebuch des Tagesspiegel-Gründers Erik Reger : "Die Nazis sind erledigt"
Erik Reger

Zeitungsgründer. Der Journalist, Publizist, Schriftsteller, Mitherausgeber und Chefredakteur des Berliner Tagesspiegel, Erik Reger (1893-1954).
Zeitungsgründer. Der Journalist, Publizist, Schriftsteller, Mitherausgeber und Chefredakteur des Berliner Tagesspiegel, Erik Reger...Foto: dpa

8. JUNI, FREITAG
Ich schreibe wieder. Ein neues Buch. Nächste Woche will ich zu Fuß nach Berlin. Es ist absurd, daß keine Bahnverbindung nach Berlin zustande kommt. Ebenso absurd, daß der Radius von Berlin nicht mindestens so weit gezogen wird, wie Leute wohnen, die fast ausschließlich in Berlin beschäftigt waren. Richtiger ausgedrückt, was hier herum wohnt, sind im Grunde ja alles Berliner, die aus der Stadt herausgezogen sind.

9. JUNI, SAMSTAG
Heute früh habe ich die große Anschlagtafel "Hier spricht die NSDAP" am Ausgang der Straße niedergelegt. Mit Erlaubnis des Bürgermeisters darf ich die Balken als Brennholz verwenden. Wir können damit an den zwei Tagen kochen - der erste Nutzen, den ich von der NSDAP habe.
Es ist eine "Erfassungsstelle für Antifaschisten" eingerichtet worden. Ich habe mich dort gemeldet. ... Aus der Gemeindeverwaltung habe ich einen jungen Maler namens Robbel kennengelernt. Er macht dort Bürodienst und ist dabei, obwohl Kommunist, nicht glücklich. Er leidet auch unter der Primitivität der Vorgänger und vermißt überall den großen Schwung, den er wohl - noch ohne reifere Erkenntnisse - erhofft hatte. Ich habe ihn gebeten, mich zu besuchen. Je nachdem ich ihn bei näherer Betrachtung finden werde, kann ich ihn vielleicht in dem publizistischen Verlagsunternehmen gebrauchen, das ich mit meinem jetzigen Verleger anstrebe. ...

Jetzt, da die Alliierte Kommission ihre Tätigkeit beginnt, halte ich den Zeitpunkt für gekommen, mich in Berlin nach meinen Freunden umzusehen.

10. JUNI, SONNTAG
Wir sitzen früh auf der Terrasse beim bescheidenen Frühstück: drei Schnitten Brot, dazu etwas Marmelade aus Rhabarber und Stachelbeeren, die meine Frau mit Saccharin gekocht hat. Aber die Sonne strahlt, die Lindenhecke vor der Terrasse ist üppig und dunkel gegrünt, die hohen Birken an der Straße stehen mit ihren regsamen Wipfeln herrlich gegen das Blau des Himmels. Draußen geht ein Mädchen pfeifend vorbei. Und wie laut, wie so aus voller Brust können die "Volksgenossen" jetzt "Guten Morgen" sagen, als hätten sie nie, und das noch vor sechs Wochen, "Heil Hitler" gesagt.

Regers Tagebuch erscheint unter dem Titel "Zeit des Überlebens" im Berliner Transit-Verlag. (160 Seiten, 18,80 Euro, mit einem Nachwort von Andreas Petersen).


Erik Reger - Journalist, Antifaschist, Antikommunist

Erik Reger wird 1893 als Hermann Dannenberger in Bendorf am Rhein geboren. 1915 wird er eingezogen, 1919 aus englischer Gefangenschaft entlassen. Er arbeitet als Pressereferent bei Krupp, ab 1921 veröffentlicht er auch in Zeitungen. Für seinen Roman "Union der festen Hand" erhält er den Kleist-Preis, 1935 werden Regers Bücher von den Nazis verboten. Von 1934 bis 1936 lebt er in der Schweiz. Reger wird 1936 aus der Schweiz ausgewiesen, trotz wiederkehrender Angriffe der NS-Presse kommt er in Berlin im Deutschen Verlag unter. Nach Kriegsende gründen Reger, der Theaterkritiker Walther Karsch und der Kunstwissenschaftler Edwin Redslob den Tagesspiegel. Von der ersten Ausgabe an schrieb Chefredakteur Erik Reger gegen jede Verklärung der NS-Zeit an. Er predigte den Deutschen Buße wegen ihres politischen Versagens: "Solange wir die Fehler bei anderen suchen, solange lebt Hitler weiter." Regers Artikel hatten im Nachkriegsberlin Orientierungswert. Für viele war er das antikommunistische Gewissen der Stadt. Dabei hatte Reger in seinem ersten Leitartikel alle Besatzungsmächte begrüßt, auch die Rote Armee. Die Entscheidungen der Sowjets kommentierte er zunächst neutral, sogar wohlwollend. Ihm ging es um die Erziehung der ehemaligen Nazi-"Volksgenossen". Reger war ebenso scharf in seinem Antikommunismus wie in seinem Antifaschismus. Das Mahlower Tagebuch manifestiert das Weltbild des Chefredakteurs der wichtigsten West-Berliner Nachkriegszeitung, deren Positionen etwa zur Blockade und zum Arbeiteraufstand 1953 die Politik beeinflussten. Reger starb am 10. Mai 1954 61-jährig in Wien, er liegt auf dem Waldfriedhof Zehlendorf begraben, wie auch seine Frau und sein Sohn Manfred.

Dieser Text erschien zunächst in unserer gedruckten Samstagsbeilage Mehr Berlin.

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