Kriminalität : „He Nigger, was machst du hier?“

Bishop O. ist Zeitungsausträger und Afrikaner. Das wurde ihm jetzt in Spandau zum Verhängnis: Er wurde erst beleidigt und dann verprügelt. Der Schock bei ihm sitzt tief. Und die Gewalt in Spandau nimmt zu.

Sandra Dassler
Überfall
Angst vor Übergriffen: Zeitungsausträger Bishop erledigt seine Arbeit in Berlin bei Nacht. Spandau wurde ihm zum Verhängnis. -Foto: Dirk Laessig

BerlinEin paar Leute haben Bishop O. nach dem Überfall geschrieben. Welche vom Evangelischen Kirchenkreis, vom Runden Tisch gegen Rassismus, auch ein Ehepaar. Das anständige Spandau reagiert. Aber es schläft, wenn Bishop O. heute Nacht wieder auf Tour gehen wird. „Die Angst ist jetzt immer da“, sagt er leise.

Der 36-jährige Nigerianer sitzt mit zwei Landsleuten in seiner kleinen Wohnung in der Spandauer Wilhelmstadt. Die dunkle Pudelmütze lässt seine sanften Gesichtszüge noch weicher erscheinen. Gutmütige Augen blicken traurig durch eine Nickelbrille. Die Brille hatte er an jenem Samstagmorgen zum Glück in der Brusttasche stecken. Sie wäre sonst bestimmt zerbrochen, sagt er.

Bishop O. ist Zeitungszusteller. Seit einem Jahr geht er jeden Morgen gegen drei Uhr auf Tour durch seinen Kiez, steckt den Tagesspiegel und andere Zeitungen in mehr als 150 Briefkästen. „Pünktlich, fleißig und zuverlässig“ sei er, loben seine Chefs. In der Wilhelmstadt kennen ihn viele, Bishop O. wohnt hier schon seit 13 Jahren. Natürlich habe es hier und da mal eine gehässige Bemerkung gegeben, wenn er beispielsweise mit seiner Freundin spazieren ging, erzählt er. Aber die meisten Menschen seien freundlich gewesen. Er habe sich wohlgefühlt im Kiez. Und sicher. Bis zum ersten Samstagmorgen im neuen Jahr.

Da schob er wie gewöhnlich seinen Wagen mit der dunkelblauen Regenschutzplane die Pichelsdorfer Straße entlang. Die beiden offenbar angetrunkenen Männer, die ihn kurz vor vier Uhr schon von weitem fixierten, habe er zu ignorieren versucht, erzählt er. Doch beim Näherkommen habe ihn einer der beiden unvermittelt angebrüllt: „He Nigger, was machst du hier?“ – „Ich wohne und arbeite hier“, antwortete Bishop O., der seit Jahren eine unbefristete Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis für Deutschland besitzt, und schob seinen Wagen schneller. Doch der Mann habe sich nicht zufriedengegeben und gebrüllt: „Was machst du Scheißnigger in Deutschland? Verzieh dich dorthin, wo du herkommst.“

Bishop O. reagierte nicht auf die Beleidigung, versuchte nur, so schnell wie möglich zur nächsten Kreuzung zu kommen. „Da ist eine Gaststätte, in der immer Menschen sind“, erzählt er. Doch der Mann habe ihn vorher eingeholt und begonnen, auf ihn einzuschlagen. Sein Begleiter habe sich abseits gehalten, den Schläger aber mit den Worten „Mach den Nigger fertig“ angefeuert. Bishop O. versuchte zu fliehen, stürzte dabei dreimal zu Boden, immer wieder habe der Angreifer auf ihn eingeprügelt. „Ich dachte, der schlägt mich tot“, sagt Bishop O. „Ich hab laut um Hilfe gerufen“, setzt er fast verschämt hinzu.

Auch Manuela B. war in dieser Nacht als Zeitungszustellerin unterwegs. „Hilferufe habe ich nicht gehört“, sagt die 41-Jährige. „Aber dafür das Geschrei des Angreifers, die Beleidigungen. Immer wieder fiel das Wort Nigger und noch andere Ausdrücke, die nicht zu meinem Sprachschatz gehören. Dann sah ich, wie ein Mann auf meinen Kollegen einschlug. Drei andere Männer und eine Frau mit Hund liefen auf die beiden zu. Ich wusste nicht, ob die ihm helfen oder auch auf ihn einschlagen wollten. Da habe ich die Polizei gerufen.“

Die drei Männer und die Frau mit Hund halfen Bishop O. tatsächlich. Der Angreifer und sein Kumpan flüchteten in die Dunkelheit, wenige Minuten später kam die Polizei. Die Beamten baten Bishop O., ihnen bei der Suche nach dem Schläger zu helfen. Er stieg ins Polizeiauto, fuhr eine halbe Stunde lang die umliegenden Straßen ab – ohne Ergebnis.

Die Spandauer Wilhelmstadt sei schlimm, sagt Manuela B., die zuvor in Charlottenburg und Zehlendorf Zeitungen ausgetragen hat. „Ich werde auch oft angepöbelt, habe Angst. Am Wochenende ist es am gefährlichsten, deshalb geht da oft mein Mann mit auf Tour.“

„Wen wundert die zunehmende Gewalt?“, sagt Uwe Hagemeister, der Wirt der Bikerkneipe „Zilini“ an der Pichelsdorfer Straße. „Wer Kinder hat und ’nen vernünftigen Beruf, ist in den vergangenen Jahren ins Umland gezogen.“ Hier geblieben seien die jungen Arbeitslosen. „Und viele Ausländer sind hergezogen. Freizeitangebote gibt es kaum. Da bleiben der Alkohol und die Kneipe.“

Vor der Fahrschule schräg gegenüber steht „Yogi“. Der 29-Jährige hat kurze Haare und wird deshalb manchmal als „Nazisau“ beschimpft. „Ich bin nicht rechts“, sagt er, „aber es gibt hier rechte Gangs, und man landet schnell in einer Schublade. Der Frust und die Gewaltbereitschaft haben bei allen zugenommen: bei Rechten, Linken, Ausländern. Hier wird doch ständig einer verprügelt. Neulich ist sogar einer erstochen worden.“ Bishop O. stand nach dem Überfall tagelang unter Schock. Rief Freunde an und bat sie, zu ihm zu kommen. Seine rechte Schulter tut höllisch weh, den rechten Arm kann er weder nach oben noch nach hinten bewegen. „Wahrscheinlich müssen wir operieren“, hat der Arzt gesagt. Aber Bishop O. will sich hier nicht operieren lassen. „Wenn ich genug Geld für das Ticket habe, fliege ich nach Hause“, sagt er. Seine Familie lebt in Enugu im Südosten Nigerias. Dort würden seine Verletzungen mit der „traditionellen Medizin“ behandelt, sagt Bishop O., zu der habe er mehr Vertrauen.

Inzwischen kann er über den Überfall reden. Ein anderer nigerianischer Zeitungszusteller, der vor fast genau einem Jahr ebenfalls in Spandau überfallen wurde, will hingegen aus Angst nichts mehr sagen. Den drei jungen Männern, die ihn rassistisch beschimpft und brutal verprügelt haben, wird demnächst der Prozess gemacht. In U-Haft sind sie nicht.

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