Kriminalität : Schuss am Ku’damm: Kontrahenten stritten um eine Frau

Clan-Kämpfe, Hells Angels: Das Dezernat Organisierte Kriminalität hat derzeit viel zu tun. Bei der Schießerei am Montagabend auf dem Kurfürstendamm zwischen türkischen und libanesischen Rotlicht-Größen ging es aber offenbar nicht um Drogen oder Prostitution. Das Opfer ist den Ermittlern bestens bekannt.

Tanja Buntrock

Langeweile kommt auch sonst selten auf – doch derzeit haben die Ermittler im Dezernat „Organisierte Kriminalität“ beim Landeskriminalamt (LKA) besonders viel Arbeit: Erst vorige Woche eskalierte der seit Monaten schwelende Konflikt zwischen den Rockerbanden in der Stadt. Ein offenbar abtrünniges Hells-Angels-Mitglied wurde nachts in Hohenschönhausen auf der Straße ermordet. Der oder die Täter sind immer noch flüchtig. Montagabend bekämpften sich dann libanesische und türkische Rotlicht-Größen auf dem belebten Kurfürstendamm: Ein Schuss fiel – dabei wurde ein 27-jähriger polizeibekannter Serientäter durch einen Querschläger vor dem Lokal „Graffiti“ verletzt. „Unsere Leute sind Tag und Nacht im Einsatz, schieben Überstunden, um die Fälle aufzuklären“, sagte ein Beamter am Mittwoch.

Wie es sich derzeit darstellt, soll es bei dem blutigen Streit auf dem Ku’damm diesmal nicht um Drogen oder Prostitution gegangen sein, sondern um eine Frau: Dem Opfer – es gehört zu einem polizeibekannten libanesischen Großfamilienclan – soll vor kurzem die Freundin weggelaufen sein. Deshalb war der Libanese in Begleitung seiner drei Brüder am Montag mit Messern und Macheten auf einen 44-jährigen Türken losgegangen, denn bei ihm suchte die ehemalige Freundin Schutz. Laut einem Ermittler handelt es sich bei dem Türken um den Betreiber des größten Bordells in Berlin – dem „Artemis“. Offiziell macht die Polizei dazu keine Angaben. Der mutmaßliche Schütze wurde nach der Vernehmung wieder entlassen – offenbar genügten die Beweise nicht für einen Haftbefehl. Es wird gegen ihn wegen gefährlicher Körperverletzung ermittelt.

Die kriminellen Machenschaften libanesischer Großfamilien und die Auseinandersetzungen zwischen den Mitgliedern der verfeindeten Rocker-Clubs Hells Angels und Bandidos sind zwei große Tätigkeitsfelder der Ermittler der Abteilung für Organisierte Kriminalität (OK). Unter der Führung des Leitenden Kriminaldirektors Bernd Finger (59) arbeiten die Ermittler in verschiedenen Kommissariaten: Sie kümmern sich unter anderem um organisierte Gewalt- und Rotlichtkriminalität, Waffen-, Drogen- und Menschenhandel, Zwangsprostitution, um die vietnamesischen Zigarettenschmugglerbanden, aber auch um die sogenannte Russen-Mafia. Ein nicht ungefährliches Terrain für die Beamten, denn bei den Tätern handelt es sich um Hochkriminelle, die ihre Streitigkeiten häufig auf äußerst brutale Weise austragen.

Die Szene schottet sich nach außen hin ab – deshalb ist es besonders schwierig für die Fahnder, in diesen Kreisen zu ermitteln. Die Beamten, die offen arbeiten, sind Szenekenner. Sie sind sammeln Informationen über die Drahtzieher und Strukturen der Banden. Ein klassisches Einsatzmittel bei der OK sind aber auch „verdeckte Ermittler“ – also Polizisten, die in die Szene eingeschleust werden. „Eine hochsensible Angelegenheit“, sagt ein Beamter. Zudem bedienen sich die Fahnder mitunter auch „ Vertrauenspersonen“ – VP genannt. Beim Arbeiten mit einer VP bewegen sich die Ermittler in einer Grauzone: Die Hinweisgeber sind oft kriminell. Gegen ein Honorar geben sie Tipps aus der Szene – etwa über bevorstehende Großdeals. Oft verfolgen die VP mit dem Tipp an die Polizei auch eigene Interessen – zum Beispiel Rache an einem Gegner.

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