Kriminologe Claudius Ohder : "Service-Personal muss überall präsent sein"

Soziale Kontrolle statt Wachschutz: Wie ein Kriminologe Claudius Ohder Gewalttäter ausbremsen will.

Die Serie von Gewalttaten in öffentlichen Verkehrsmitteln reißt nicht ab. Wie lässt sich die Sicherheit verbessern?



Wir brauchen wieder mehr Vertreter der Verkehrsbetriebe in Bahnhöfen, Bussen und Bahnen. Sie müssten klar erkennbar, kompetent und hilfreich sein. Allein deren Präsenz würde bewirken, dass sich selbst potentielle Affekttäter mehr an die Norm halten. Die Gewalt im Nahverkehr wurde ja in Berlin erst so richtig zum Problem, seitdem die BVG nach der Wende aus Kostengründen ihre uniformierten Abfertiger und Schaffner abschaffte. Damals war unser Expertenrat, Geschäfte in die U-Bahnhöfe zu integrieren. Das hat die soziale Kontrolle wieder verbessert.

Es reichte aber offenbar nicht aus.

Deshalb setzte die BVG Mitte der 90er Jahre auf abschreckendes Sicherheitspersonal, das mit Hunden unterwegs war. Aber diese Streifen verunsicherten eher die Fahrgäste, anstatt Ängste zu nehmen. Sie vermittelten den Eindruck: Die U-Bahn ist ein gefährlicher Ort. Als man das erkannte, schaffte man diese schwarzen Sheriffs, wie sie landläufig hießen, in Berlin und anderen Großstädten wieder ab und setzte verstärkt auf die technische Überwachung durch Videokameras, Notruftelefone. Das mag Taschendiebe abschrecken, doch jugendliche Affekttäter lassen sich dadurch kaum beeindrucken.

Wieso?

Weil die Fähigkeit, die Folgen einer Tat abzuschätzen und sich entsprechend zu verhalten, erst bei Erwachsenen voll ausgebildet ist. Dennoch sind Kameras wegen der Beweissicherung sinnvoll. Am vordringlichsten sollte die BVG aber ihr sichtbares Personal verstärken. Diesmal jedoch nicht mit Wachschützern, sondern mit gut motivierten und geschulten Serviceleuten. Die müssen überall präsent sein und ausstrahlen: Wir helfen in jedem Falle – vom Fahrplantipp und Kinderwagenschleppen bis zu Konfliktsituationen. Das würde ein positives, sozial kontrolliertes Klima schaffen – und potentielle Gewalttäter ausbremsen.

>Eine solche Lösung streben die Verkehrsbetriebe ja nun an.

Die BVG stellt die richtigen Weichen, spart aber womöglich am falschen Ort. Ich bin skeptisch, ob sich ein effektives Service-Team allein mit Hilfe von Förderprogrammen für Langzeitarbeitslose gut machen lässt. Zu einem solchen Job kann man niemand beordern. Wer ihn macht, muss sich damit voll identifizieren.

Diskutiert wird jetzt auch, ob Busfahrer und Service-Mitarbeiter mit Reizgas bewaffnet werden sollen. Wäre das hilfreich?

Auf keinen Fall. Es würde die Gewalttäter zusätzlich provozieren. Stattdessen sollten die BVG-Mitarbeiter trainieren, wie man aufgeheizte Gemüter durch geschickte Reaktionen beruhigen kann.

Die Fragen stellte Christoph Stollowsky

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