Kripo ermittelt im Knast : Gewalt in Berliner Gefängnissen nimmt zu

In Berliner Gefängnissen steigt die Zahl der Gewalttaten. Nicht nur Angriffe gegen Justizbedienstete nehmen zu - auch Gefangene erstatten häufiger Strafanzeige.

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Gefangene im Innenhof einer Justizvollzugsanstalt.
Gefangene im Innenhof einer Justizvollzugsanstalt.Foto: dpa

Die Gewalt im Gefängnis nimmt deutlich zu. Innerhalb eines Jahres hat sich die Zahl der Angriffe auf Berliner Justizbedienstete verdoppelt, von 10 im Jahr 2010 auf 20 im Jahr 2011. Zahlen von 2012 liegen noch nicht vor. Die Zahl der Gewalttaten zwischen Gefangenen ist ebenfalls gestiegen: von 272 auf 284. In allen Fällen wurde Strafanzeige erstattet. Ein besonders gravierender Vorfall beschäftigt derzeit Polizei und Justiz. Nach Informationen des Tagesspiegels sollte der wegen Mordes verurteilte Türke, Mesut A., in der JVA Tegel den zu lebenslänglich verurteilten Torsten P. töten. Dieser hatte 1999 in Moabit einen türkischen Bekannten aus nächster Nähe mit einer Schrotflinte ins Gesicht geschossen und umgebracht. Die Angehörigen des damaligen Opfers sollen jetzt den Mordanschlag bestellt haben. Die Justiz bestätigte, dass die Anstalt vom Landeskriminalamt (LKA) über den „Verdacht einer beabsichtigten Tötung unterrichtet“ worden sei. Nach Angaben des Polizeipräsidiums ermittelt die 2. Mordkommission.

Dem Vernehmen nach bekam das LKA den Tipp aus dem Knast von einem Mitgefangenen. Pikant ist, dass Mesut A. 2006 wegen einer tödlichen Blutrache nach Jugendstrafrecht zu siebeneinhalb Jahren Haft verurteilt worden war: „40 Jahre Familienkrieg“, hatte der Tagesspiegel damals getitelt. Begonnen hatte die Fehde, die schon mehrere Todesopfer forderte, einst in der Türkei. Ob das damalige Opfer von Torsten P. zu einer der beteiligten Familien gehörte, ist unklar. Mesut A. wurde „zur Gefahrenabwehr“ auf die Sicherungsstation verlegt, damit er mit Torsten P. nicht mehr zusammentrifft.

Gewalt im Knast ist nach Schilderungen von Gefangenen Alltag, längst nicht jeder Fall werde angezeigt. Bekannt werden nur wenige Fälle. So hatte der gerade wegen Doppelmordes zu Lebenslang verurteilte Mehmet Y. Ende des Jahres in Moabit versucht, einen Mitgefangenen durch Schläge mit einem Kochtopf zu töten. Anfang Januar war in Tegel ein älterer Konflikt zwischen zwei Gefangenen eskaliert: Ein 37-Jähriger übergoss den zwei Jahre Jüngeren mit heißem Öl und schlug ihm eine Stahlkugel auf den Kopf. Alle diese Fälle wurden nicht durch eine offizielle Meldung der Justizverwaltung bekannt, sondern durch Zeitungsartikel.

Kurz zuvor hatten Gefangene in einem offenen Brief an die Justiz „Hungerstreik und Revolte“ aus Protest gegen die Haftbedingungen angekündigt. Ausdruck der schlechten Stimmung sind auch die zahlreichen Strafanzeigen von Gefangenen gegen Bedienstete. Am Sonntag berichtete ein Sicherungsverwahrter, dass er gegen einen Justizangestellten Anzeige wegen sexueller Nötigung gestellt habe, weil dieser ihn betatscht haben soll und ihn mit „Süßer“ anrede.

Derartige Strafanzeigen gegen das Personal sind Alltag in Deutschlands größtem Männergefängnis. Derzeit sucht die Justizverwaltung einen Nachfolger für Anstaltsleiter Ralph Adam. Der geht am 1. Mai 2013 in den Ruhestand. Nach Behördenangaben ist die Stelle ausgeschrieben worden. „Im Laufe des Februars“ soll der Nachfolger feststehen, sagte Justizsprecherin Lisa Jani.

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