Berlin : Kristall und Kautschuk

Das Filmprogramm von 1938 kommt erneut ins Kino.

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„Neben mir saß gestern eine junge Dame, die leise aufschrie, als eine Riesenschlange René Deltgen ins Genick fahren wollte. Dann hörte man die Stimme ihres Begleiters: ,Ruhig, ruhig, Liebes, es ist ja nur ein Spiel.’“ Ein spannender Kinoabend also, die Berliner Premiere des Abenteuerfilms „Kautschuk“ am 8. November 1938 im Ufa-Palast am Zoo. Metropolennormalität, Glanz und Glamour – und doch, als man die Kunde von dem gelungenen Kinoabend tags darauf in der „B.Z. am Mittag“ lesen konnte, bahnte sich der Sturm auf die jüdischen Einrichtungen und Geschäfte schon an, standen die zynisch bald „Reichskristallnacht“ genannten Pogrome unmittelbar bevor.

Am 8. November, 75 Jahre nach der Premiere, läuft „Kautschuk“ wieder in einem Berliner Kino; es ist die Geschichte des Engländers Henry Wickham, der 1876 Kautschuksamen aus Brasilien schmuggelte und so dessen Monopol brach. Diesmal ist der exotische Thriller im Zeughauskino zu sehen – als Teil des am Dienstag gestarteten Programms „Als die Synagogen brannten“. Gezeigt werden neun Filme, in der Hauptsache aus dem Programm der Berliner Kinos in den Tagen um die Reichspogromnacht, ergänzt durch die im alten Vorprogramm gelaufenen Filme. Im Falle von „Kautschuk“ waren das die Ufa-Tonwoche Nr. 427 und der Dokumentarkurzfilm „Riesen deutscher Käferwelt“.

Nach der Pogromnacht ging das kulturelle Leben scheinbar normal weiter. Nur zwei Tage danach lief etwa im Ufa-Tauentzienpalast in der Nürnberger Straße, nach dem Ufa-Palast am Zoo das zweitgrößte Kino Berlins, die Komödie „Eine Nacht im Mai“, in der Marika Rökk in bewährter Manier die Beine schwenkte. Die ebenfalls verwüstete Synagoge in der Fasanenstraße lag etwa einen Kilometer entfernt.

Auch der Dokumentarfilm „Die Feuerprobe“ von 1988 wurde ins Programm aufgenommen. In ihm wie auch im Vorprogramm sind einige Filmdokumente zu sehen, die brennende Synagogen in Berlin und anderen Städten zeigen. Viele gibt es nicht: Filmen und Fotografieren war während der Pogrome verboten. Andreas Conrad

„Als die Synagogen brannten“, Zeughauskino Unter den Linden 2, bis 1. Dezember, www.dhm.de/kino

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