Kritik an Regierendem : Wowereits Wurstigkeit

18.12.2011 14:04 UhrVon Gerd Nowakowski
Klaus Wowereit: Aus der SPD kommt Kritik an seinem Verhalten in der Affäre um Senator Braun. Foto: dapd
Klaus Wowereit: Aus der SPD kommt Kritik an seinem Verhalten in der Affäre um Senator Braun. - Foto: dapd

Schweigen, verteidigen, CDU gewähren lassen – wie der Regierende und die Parteispitze in der Affäre Braun agierten, wird in der SPD kritisch gesehen. Man habe "einfach mit am Rand gestanden", statt das Wort zu ergreifen.

Es sind diese Sätze, salopp rausgehauen, die sich einbrennen ins Stadtgedächtnis. „So etwas kann, glaube ich, immer mal vorkommen“, sagte Klaus Wowereit am Freitag – einen Tag, nachdem Berlin im S-Bahn-Chaos stillstand. Zwischen dem Treffen der Ministerpräsidenten der Länder und Verhandlungen mit der Bundeskanzlerin am Donnerstag und der Bundesratssitzung am Freitag einfach mal so einen Spruch machen. Da erinnern sich die Berliner an Wowereits Worte zum vorjährigen Winterchaos, „Berlin ist nicht Haiti“, und auch in der SPD zucken einige – am Ende einer Woche, die mit dem Rücktritt des Justizsenators Michael Braun begann.

Auch so passiert, und noch ist nicht ausgemacht, welcher Schatten davon zurückbleibt für die rot-schwarze Koalition – und für die SPD. Für manche Sozialdemokraten sind es Tage des Missvergnügens, ist etwa im Roten Rathaus herauszuhören. Während chinesische Geschäftsleute im Wappensaal, der guten Stube des Roten Rathauses, mit hohen Säulen und Mosaikfenstern, vom müde wirkenden Regierenden Bürgermeister empfangen werden, endet nebenan der Abschiedsempfang für die Europabeauftragte und Chefin der Senatskanzlei, Staatssekretärin Monika Helbig (SPD). Bei der geschlossenen Gesellschaft – Staatssekretäre, ehemalige und aktuelle Senatoren sind darunter – wird das Krisenmanagement durchaus kritisch gesehen.

Wie die SPD die Enthüllungen über Brauns Wirken als Notar für dubiose Verkäufer von Schrottimmobilien begleitet hat, sei ein „Trauerspiel“, schimpft eine Funktionärin, die wie die meisten Gesprächspartner ihren Namen nicht lesen will. Sie ist empört über die „Sprachlosigkeit meiner Partei“. Das sei der „denkbar krasseste Fehlstart“ für die rot-schwarze Koalition. Eine Hängepartie über zehn Tage, bei der der Regierende Bürgermeister erst mal eisern schweigt und sich dann klar hinter Braun stellt – bis zu dessen Rücktritt.

Hinzu komme die unendliche Suche nach einem Polizeipräsidenten. Auch hier wird die SPD von den Berlinern in der Verantwortung gesehen. Schließlich hat sich der gerade aus dem Amt geschiedene SPD-Innensenator Ehrhart Körting mit seinem Wunschkandidaten heillos im Berufungsverfahren verheddert – abgesegnet von Wowereit. Manch Sozialdemokrat gibt entschuldigend zu bedenken, dass man noch nicht „richtig aufgestellt“ sei, weil sich die Fraktion mit einem frisch gewählten Vorsitzenden erst finden und sich zugleich das Verhältnis mit dem neuen Partner CDU „einruckeln“ müsse.

Einige Genossen gestehen durchaus ein, dass man mit „Kopfschütteln“ und heimlicher Häme den Schaden für die CDU und die Selbstdemontage des Justizsenators verfolgt hat. Dieser habe schließlich noch vor kurzem von der Oppositionsbank aus die SPD häufig mit moralischem Zeigefinger angegangen. Ja, „Schadenfreude“ habe es da schon gegeben, sagt ein Kreischef.

Die neue Situation nach den gescheiterten Koalitionsgesprächen mit den Grünen und das überraschende Bündnis mit der jahrelang verfemten Union sei noch nicht verarbeitet. Immerhin haben mutmaßlich bis zu vier SPD-Abgeordnete dem Regierenden ihre Stimme verweigert und auf dem Parteitag war jeder fünfte Delegierte gegen den ausgehandelten Koalitionsvertrag. Dieses Gemenge habe dazu beigetragen, dass die SPD zu wenig Reaktion gezeigt und bei der Affäre „einfach mit am Rand gestanden“ habe. So könne es aber nicht gehen. „Wir verantworten die Koalition gemeinsam – deswegen ist es auch ein Problem der SPD“, betont ein Funktionär.

Unangenehm aufgestoßen ist einigen Genossen der Rückhalt für den schon mächtig unter Druck stehenden Justizsenator Braun vor einer Woche im Abgeordnetenhaus, als Wowereit kein „juristisches Fehlverhalten“ sah, das einen Rücktritt erfordere. Immerhin ernenne der Regierende Bürgermeister die Senatoren. Wer die Richtlinienkompetenz habe, „sei auch für die moralischen Maßstäbe und die politische Hygiene verantwortlich“, sagt ein Abgeordneter.

Von anderer Seite heißt es, es sei falsch gewesen, dass Wowereit anfänglich deutlich zu verstehen gegeben habe, die Affäre sei alleiniges Problem der CDU. Vielmehr hätte man dem Koalitionspartner früher Stoppsignale setzen müssen, heißt es. So würde das Problem der Glaubwürdigkeit auch die Sozialdemokraten belasten. Dass der Rücktritt nicht später hätte kommen dürfen, weil „sonst nicht nur das Amt beschädigt worden wäre, sondern insgesamt die Koalition Schaden genommen hätte“, sagte hinterher auch der Regierende.

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