Berlin : Krönung eines Wandels

Johannes Rau, einst Bonn-Fan, wird Berliner Ehrenbürger. Den Antrag bekam er auf seinem letzten Neujahrsempfang

Elisabeth Binder

Auf den ersten Blick sieht es aus wie ein ganz normaler Neujahrsempfang. Johannes Rau und Frau Christina nehmen vor laufenden Kameras das Defilee der Spitzen der Gesellschaft und der verdienten Bürger ab. Jenseits der Kameras steht unterdessen der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit, und sein Lächeln strahlt eher noch heller als die Spots. Das Gespräch, das er kurz vor Beginn des Empfangs mit Johannes Rau hatte, wirkt nach. Er habe dem Bundespräsidenten die Ehrenbürgerwürde der Stadt Berlin angetragen, erzählt er mit sichtlichem Vergnügen. Und ja, er habe sich ganz besonders darüber gefreut, dass der Bundespräsident angenommen habe. „In seiner Zeit als nordrhein-westfälischer Ministerpräsident war er ja immer ein besonders glühender Befürworter für die Hauptstadt Bonn.“ Nun zu sehen, wie ihn die hiesige Luft in einen begeisterten Berliner verwandelt habe, das hat dem Regierenden „besonders gut getan“. Der exakte Termin stehe zwar noch nicht fest, solle aber auf jeden Fall noch während der Amtszeit, also bis Mai, über die Bühne gehen. Über der Vorfreude darauf vergaß er einen Moment lang sogar die strengen Diätzwänge, denen er sich nach seinem Urlaub unterworfen hat und die unter anderem vorsehen, dass er bei den nächsten Galadinners rigoros auf Sättigungsbeilagen verzichtet.

Die verdienten Bürger, denen Johannes Rau derweil so überaus herzlich die Hand schüttelte, verzichten vor allem auf Freizeit, um sich unentgeltlich gemeinnützigen Aufgaben zu widmen. Gerade ist Siegfried Hirche vorbei defiliert. Bereits 1980 begann er, sich im sächsischen Görlitz um den völlig zugewachsenen Nikolaifriedhof zu kümmern, der 1330 erstmals erwähnt wurde. Seitdem erfasst er die Inschriften auf historischen Grabsteinen. Gestern nutzte er die Chance, Johannes Rau, der sich bekanntlich für die Denkmalpflege besonders engagiert, einzuladen, sich das alles nach Ende der Amtszeit einmal in Ruhe anzusehen. Auch aus Berlin und Brandenburg waren Menschen geladen, die sich gesellschaftlich vorbildlich verhalten. Zum Beispiel Günter Pikarski aus Neukölln, der mittellosen Schwerstkranken aus 19 Ländern hilft. Oder Ivo Haase, der in Berlin Kulturwissenschaft studiert und in seiner Heimatstadt Neuruppin nebenbei ehrenamtlich mehrfach schwerstbehinderte Schüler betreut. Warum er das tut? „Die Kinder geben mir mehr, als ich jemals zurückgeben kann“, sagt der gut aussehende junge Mann lächelnd. Renate Zeun lehrt seit elf Jahren krebskranke Kinder, ihr durch die Krankheit verändertes Leben in einer Bildsprache zu erzählen. Inge und Jörg Harmsen haben in den letzten zwanzig Jahren vier Häuser für Sterbende in Deutschland aufgebaut. Zuletzt eröffneten sie im März letzten Jahres das Theodorus Hospiz in Moabit. Ist das nicht furchtbar deprimierend, immer mit Sterbenden zu tun zu haben? „Im Gegenteil“, lächelt Jörg Harmsen. „Wir haben dabei die Angst vor dem Tod verloren. Früher hatten wir viel Angst vor Veränderung. Das ist alles von uns abgefallen.“

Man könnte von diesem Morgen noch viele solcher Geschichten erzählen, aus allen Bundesländern. Wenn man einige gehört und ein bisschen was von der Haltung gespürt hat, die dahinter steckt, versteht man die sichtbare Wärme, mit der Johannes Rau gerade den Kreis dieser Menschen anspricht. Zum Ausgleich zeigt Christina Rau bei den von ihrem Mann etwas präziser begrüßten Würdenträgern inzwischen unbefangene Herzlichkeit. Ihr Auftreten wirkt so perfekt, dass man sich kaum mehr wundern mag, warum es bei den Hauptstadt-Empfängen immer wieder Stimmen gibt, die gern mit einer Provokation reagieren auf die Formel „Frau statt Rau“. Und die lautet: Frau Rau.

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