• Kronzeugin will sich Druck der Sürücüs nicht beugen Türkische Familie geht an die Öffentlichkeit und stellt sich selbst als das wahre Opfer dar

Berlin : Kronzeugin will sich Druck der Sürücüs nicht beugen Türkische Familie geht an die Öffentlichkeit und stellt sich selbst als das wahre Opfer dar

Sabine Beikler,Katja Füchsel

„1001 Nacht“ heißt das Schöneberger Café, in das die Familie Sürücü geladen hat. Und als sich Vater Karim Sürücü und seine beiden Töchter Arzu (22) und Songül (15) mit einem Glas türkischen Tees auf dem Sofa niederlassen, zeigt sich die Wirklichkeit in einem wundersamen Licht. Wir sind die wahren Opfer, lautet die Botschaft: Die Familie war arglos, der Vater leidet, die Mutter ist krank, zwei Söhne sitzen unschuldig im Gefängnis. Dass die 23-jährige Tochter Hatun Sürücü mit drei Schüssen in den Kopf regelrecht hingerichtet wurde, scheint da eher zurückzutreten. „Meine Schwester hat es gut“, sagt Arzu Sürücü, mit Kopftuch und in perfektem Deutsch, in die Mikrofone. „Sie ist im Paradies.“

Es ist eine Flucht nach vorn – und ein Angriff auf die Hauptbelastungszeugin, sagt Ulrike Zecher. Sie steht der 18-jährigen Melek A. im Mordprozess als Anwältin bei. „Die Zeugin soll damit demontiert und destabilisiert werden“, sagt Ulrike Zecher. Bereits beim letzten Verhandlungstag hat Arzu Sürücü dem Mädchen vorgeworfen, von den Mordplänen ihres damaligen Freundes zwar gewusst, aber geschwiegen zu haben. „Melek hat sich mitschuldig am Tod meiner Schwester gemacht“, sagte Arzu. „Sie gehört hinter diese Glasscheibe neben Ayhan!“

Ayhan S. (19) hat im Prozess gestanden, dass er seine ältere Schwester tötete, weil er ihre westliche Lebensführung missbilligte. Er habe seiner Freundin Melek damals zwar die Tat in allen Einzelheiten beschrieben, aber gelogen, als er angab, dass zwei seiner älteren Brüder an dem Komplott beteiligt gewesen seien. Beim Treffen im „1001 Nacht“ übersetzt Arzu für ihren 64-jährigen Vater: Er trauere tief um Hatun. Ayhans Geständnis habe ihn erschüttert. Die Tat sei von der Familie weder geplant noch gebilligt worden.

Giyasettin Sayan, Abgeordneter der Linkspartei und migrationspolitischer Sprecher seiner Fraktion, ist sich sicher, dass der Auftritt in der Öffentlichkeit als ein „genereller Widerstand gegen die Presse und die Justiz“ zu werten sei. Denn in den Augen der betroffenen Familien handele es sich bei „Ehrenmorden“ um eine reine Privatsache. Der 55-jährige Politologe vermutet, dass der 19-jährige Bruder Ayhan den Mord nicht „aus eigener Triebkraft“ ausgeführt hat. „Die Verantwortung gegenüber der Familie ist dabei sehr groß.“ Er könnte auch „religiös beeinflusst" worden sein. Die BrüderMutlu und Ayhan S. sollen die Eshab-i Khef-Moschee in Wedding besucht haben. In dieser Moschee hat der 1997 ermordete Halil Sofu, ein Anhänger des Kalifatsstaats, seine Anhänger versammelt. Sayan bezeichnet diese als „engstirnige Sekte". In fundamentalistischen Kreisen könne es durchaus üblich sein, dass vor einem Mord die „Fatwa“, ein Rechtsgutachten eines islamischen Geistlichen, eingeholt werde. „Es gelten für Islamisten nicht nur die weltlichen Gesetze, sondern vor allem Gottes Gesetze“, sagt Sayan.

Die Sürücüs bleiben dabei. „Von Mord war in meiner Familie keine Rede“, sagt Arzu. Melek lebt heute im Zeugenschutzprogramm, an einem geheimen fremden Ort. Die Vorwürfe der Familie und Verteidigung treffen Melek schwer, so schwer, dass die 18-Jährige am Montag beim Prozess zusammenbrach und ärztlich behandelt werden musste. Aufgeben aber will Melek nicht. „Bis zur nächsten Vernehmung wird sie sich wieder erholt haben“, sagt Ulrike Zecher.

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