Ku'damm-Karree : Theater um den richtigen Kompromiss

Die Investor des Ku’damm-Karrees und der Bezirk werden sich im Streit um die Zukunft der Bühnen nicht einig. Noch nicht.

Christian van Lessen
Kudammkarree
Anstelle des alten Ku'damm-Karrees soll dieser Gebäudekomplex rund um das vorhandene Hochhaus entstehen. -Simulation: promo

Wie in ein dünnes Fischernetz ist die Fassade des Ku’damm-Karrees gehüllt. Das Netz dient dem Schutz der hässlichen Haut. Es sieht so aus, als könne dieses Netz das ganze Haus kurzerhand aus dem Häusermeer des Kurfürstendamms fischen und es durch ein schöneres Bauwerk ersetzen. Im Netz dürften dann auch die zwei Traditionstheater im Inneren des Bauwerks, die Komödie und das Theater am Kurfürstendamm, zappeln.

Wer das Haus von der Ku’damm-Seite aus betrachtet, ahnt sofort, dass die Theater hier der wahre Schatz sein müssen. Um sie herum wurde in den siebziger Jahren das Karree mit dem Hochhaus gebaut. Die Stücke, die gerade aufgeführt werden, heißen „Shoppen“ und „Wie es Euch gefällt“. Dem Publikum würde es gefallen, wenn eines der Stücke „Die Kuh ist vom Eis“ heißen würde: Es wäre das passende Stück um darzustellen, wie das nervende Theater um die beiden Traditionsbühnen zum guten Ende kommt. Das zeichnet sich noch nicht ab, aber es scheint sich zumindest schon Kompromissbereitschaft anzudeuten.

Noch sind die Positionen abgesteckt. Der Bezirk Charlottenburg sieht sich durch fast 200 000 Unterschriften, die bis Ende letzten Jahres von den Bühnen gesammelt wurden, bestätigt: Er will offiziellen Äußerungen zufolge das Theater und die Komödie, so wie sind, erhalten. Der irische Investor Ballymore will das ganze Karree rund um das Hochhaus neu gestalten, kann mit den alten Bühnen inmitten des Areals nichts anfangen, will aber dafür eine ganz neue bauen – und hat sich mit dem Theaterintentanten Martin Woelffer und seinem Vater Jürgen darauf verständigt. Denn dafür wäre der Spielbetrieb im Neubau für 20 Jahre gesichert. Diesen Strohhalm habe man greifen müssen, sagt Martin Woelffer. Ballymore ist nun der Ansicht, eine Lösung mit dem Bezirk müsse bis September gefunden sein, denn ohne Aussicht auf eine Genehmigung sei die 500-Millionen-Investition fraglich.

Die Interessengemeinschaft AG City hat vor allem den Bezirk schon aufgefordert, „dogmatische Standpunkte aufzugeben“, Gottfried Kupsch vom Vorstand meint, „eine Bühne reicht definitiv. So lässt sich die Kuh vom Eis bringen“. Der Beschluss der Bezirksverordneten-Versammlung müsste revidiert werden, ein Neubau des Karrees könne dem ganzen Kurfürstendamm nur guttun.

Wir wollen nach Möglichkeit beide Bühnen erhalten“, sagt Bezirksbürgermeisterin Monika Thiemen (SPD). Zwischen den Positionen „ein Theater neu oder beide Theater alt“ müsse sich was finden lassen, das könne die Einigung auf ein altes Theater sein. „Beide Seiten müssen sich bewegen, der Bezirk ist kompromissbereit“, sagt Monika Thiemen. Der Investor aber sei nicht bereit, sich zu bewegen, wünsche offenbar, das Projekt auf Senatsebene entscheiden zu lassen.

Armin Huttenlocher von Ballymore wiederum betont, man wolle eine Einigung mit dem Bezirk, das Unternehmen sei aber „nach guten Gesprächen komplett irritiert“ über unterschiedliche Äußerungen aus dessen Reihen. Ballymore habe sich „einen langen Weg auf den Bezirk zubewegt“ und den kompletten Neubau einer Bühne oder die „komplette Stein-für-Stein-Umsetzung einer alten Bühne“ vorgeschlagen. Anders lasse sich eine Passage im Neubau mit Hotels, Geschäften und Gastronomie nicht wirtschaftlich bauen.

Torsten Wöhlert aus der Senatskulturverwaltung sagt, die Angelegenheit müsse zwischen Investor und Bezirk geregelt werden, der Senat habe wenig Einfluss. Wenn es nach dessen Wunsch ginge, würden beide historische Bühnen erhalten. Aber Ballymore und Woelffer hätten sich nun auf den Bau eines einzigen, neuen Theaters verständigt, das Arrangement sei „nicht unattraktiv“ und die Gesamtinvestition von 500 Millionen Euro sollte nicht gefährdet werden: „Die sollen sich zusammenraufen, und ich gehe davon aus, dass es passiert.“

Der Theaterneubau, künftig im ersten Stock geplant, soll 650 Plätze haben, etwas mehr als die Komödie heute und deutlich weniger als das Theater am Kurfürstendamm mit 800 Plätzen. Die neue Bühne soll sich an den Entwürfen des Theaterarchitekten Oskar Kaufmann orientieren, der die Theater in den zwanziger Jahren für Max Reinhardt entworfen hatte. Noch ist vieles unklar, weil eine Entscheidung eben noch nicht gefallen ist. Die beiden Bühnen spielen seit bald vier Jahren wie auf Abruf, weil die Zukunft des Karrees nach mehreren Eigentümerwechseln ungewiss war. Bis Ende 2010 und darüber hinaus wird aber am Spielplan gearbeitet – noch für beide Häuser.

Dass es die Privattheaterbranche nicht leicht hat, ist eine Binsenweisheit. Dieter Hallervorden, der im September das Steglitzer Schlosspark-Theater wiederbeleben wird, sprach kürzlich von einem„Haifischbecken“, wenn es um gute Stücke und Schauspieler gehe. Martin Woelffer wüsste zudem gern, wie eine Zwischenphase aussehen könnte, bis das neue Theater gebaut ist. „Hoppla, wir leben“, das ist ein Stück, das er passend findet und gern mal wieder zeigen würde. Oder auch: „Die Kuh ist vom Eis“. Das muss aber wirklich noch geschrieben werden.

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