Berlin : Küchenlatein: Tim Raues Biografie

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Auf dem Buchcover gibt er sich wie eine Art Essstäbchen-Samurai, Inhaber des schwarzen Gürtels in Küchenartistik. Tim Raue, 37, hat dieser Tage seine Biografie veröffentlicht: „Ich weiß, was Hunger ist“. Das ist für gereifte, berühmte Chefs nicht unüblich, es gibt Biografien über Paul Bocuse und Eckart Witzigmann, aber dann kommt nicht mehr viel – selbst das Leben des weltbekannten Herd-Schnuffis Jamie Oliver muss man sich in Häppchen aus dem Internet zusammenklauben.

Was hat Raue – vom Weltruhm noch weit entfernt –, was andere nicht haben? Es ist natürlich die Vergangenheit als Kreuzberger Straßengang-Mitglied, über die er mit geradezu exhibitionistischer Offenheit erzählt. Man nimmt ihm ab, dass er etwas zu sagen hat, was gerade angesichts der Debatte über Jugendgewalt von Bedeutung ist.

„Das Einzige, was ich meinem Vater zu verdanken habe, ist die Tatsache, dass ich kaum Lampenfieber kenne“ – das ist einer dieser gnadenlos offenen Sätze, die das Buch durchziehen. Der Vater hat ihn immer wieder brutal verprügelt. Ausführlich beschreibt Raue sein Leben als Mitglied der berüchtigten Kreuzberger „36 Boys“, bei denen er sich als Straßenkämpfer mit großer Klappe profiliert hat – das hörte auf, als er nach der 10. Klasse die Schule hinwarf und, eher durch Zufall, eine Kochlehre begann.

Alles weitere fügte sich nach dem Motto „Es gibt zwei Sorten von Affen: Die einen lassen ihre Liane erst los, wenn sie eine neue in der anderen Hand haben. Die anderen springen, weil sie wissen, es wird schon irgendwo eine neue hängen. So einer bin ich.“ Raues Erfahrungen in ständig wechselnden Küchen fügen sich so zu einem Sittenbild der deutschen Kulinarik. Das Buch lässt vor allem in den spezifischen Wahnsinn blicken, der sich in vielen Küchenbrigaden breit macht, kindische Schlachten, aggressive Scherze. Die Köche bombardieren sich mit Radieschen, gießen sich Gelee in die Schuhe, beschießen sich mit Paintball-Gewehren – Ventile für den Druck, der in der oft 16-stündigen Arbeitszeit auf sie wartet. Große Betriebe, sagt uns Raue, können nur funktionieren „mit Typen, die sich durch jedes 180-Personen-Menü durchhämmerten wie die Drummer einer Hardcore-Band“. Nur die Flucht aus seiner Stadt sei ihm nicht gelungen, resümiert er, „das muss sie nun auch nicht mehr. Denn die Dämonen habe ich daraus längst vertrieben.“ Bernd Matthies

Am Montag, 20.30 Uhr, stellt Raue sein Buch in Lehmanns Buchhandlung, Hardenbergstr. 5 in Charlottenburg vor.







— Tim Raue (mit Stefan Adrian):
Ich weiß, was Hunger ist. Von der Straßengang in die Sterneküche.

Piper Verlag, München. 288 Seiten, 19,95 Euro.

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