Berlin : Kühles Pils am Heizpilz

Berliner Kneipengänger wollen draußen sitzen – auch in der kalten Jahreszeit. Doch der neue Trend macht Ärger mit Behörden

Christian van Lessen

Es ist kühl, draußen nieselt’s, doch vorm Restaurant „Knofi“ an der Kreuzberger Bergmannstraße ist es gestern Mittag gemütlich warm. Im Vorzelt ist der Heizpilz eingeschaltet, dazu bollert ein gasgefeuerter Ofen. Gäste freuen sich, auf der Straße zu sitzen und doch nicht zu frieren. Nicht nur Gerichte sollen mediterran sein, auch das Klima. Wie vielerorts in der Stadt, wo immer mehr Gastronomen mit Heizstrahlern und Öfen die ganzjährige Freiluftsaison verteidigen und das Pils unterm Heizpilz offerieren.

Doch Restaurantleiter Orlando Hernandez ist unzufrieden. Ab Januar, sagt er, soll das Vorzelt weg. „Das hat 3000 Euro gekostet.“ Seit zwei Jahren bewirtet er Gäste auch zur kalten Jahreszeit draußen, die Polizei habe es genehmigt, der Baustadtrat auch, das Ordnungsamt aber habe Sicherheitsbedenken. Andererseits dürfe er das Zelt nicht mit Ankern sichern, als sollte es im Wind davonfliegen. Der Chilene Hernandez will „Klarheit“, versteht das Hin und Her nicht.

Im „Kaffee am Meer“ gegenüber sind gleich drei Heizpilze im „Wintergarten“ angebracht, gegen Mittag aber nicht in Betrieb. „Wir schalten sofort ein, wenn sich jemand draußen hinsetzt“, sagt die Bedienung. Und es frühstückten auch schon Gäste vorm Haus, und wer will, kann sich noch in blaue Decken hüllen. Tim Schultze, der Chef, bestätigt, dass der Trend zum saisonunabhängigen Draußensitzen erst richtig los geht. „Meine Idee“, sagt er sogar, wobei er sich allerdings Anregungen von der Bar „Plusminusnull“ in Friedrichshain holte. Auch Schultze hat mit dem Bezirk etliche Streitereien hinter sich, jetzt aber „gibt er Ruhe“. Baustadtrat Franz Schulz von den Bündnisgrünen will zu den erwärmten Vorzelten und Wintergärten nichts sagen. Nach Meldungen, denen zufolge der Bezirk wegen „zeltartiger Vorbauten“ insgesamt schon 49 Bußgeldbescheide verschickt hat, ist er verschnupft. Es sei viel Falsches geschrieben worden, weshalb „er nun keine Anfragen mehr beantwortet“, teilte sein Vorzimmer am Dienstag mit.

Wenn es denn Bedenkem vom Amt gibt, so scheinen sie den Hang zum kostspieligen Heizen im Freien kaum aufzuhalten. Ob sie nun Gastro-Sonnen, gasbefeuerte Zweitsonnen oder auch Patio Heating heißen – sie sind europaweit im Kommen. In Italien etwa ist „Draußen heizen“ nach dem Rauchverbot im Inneren der Lokale besonders beliebt. Nur heizen müssen die Italiener in dieser Jahreszeit nicht so viel wie hierzulande.

Hochburgen des Draußensitzens im Winter sind unter anderem die Bergmannstraße, die Simon-Dach-Straße in Friedrichshain, die Kastanienallee in Prenzlauer Berg, aber auch viele Lokale in der West–City, etwa das Café am Neuen See. An der Oranienstraße in Kreuzberg stellte gestern Mittag aber kein Lokal die Heizpilze nach draußen, und an der Wiener Straße aßen nur die Gäste vom kleinen „Piccola Musica“ ihre Spaghetti unterm Vordach. Dick vermummt, denn einen Heizpilz gibt es nicht.

Wirt Hernandez vom „Knofi“ hofft, dass er sein Vorzelt auch im nächsten Jahr behalten darf – und eine entsprechende Petition zum Erfolg führt. Für das Straßenland hat er immerhin bezahlt. „Ich dachte immer, Kreuzberg will locker und lebendig sein“, sagt er.

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