Berlin : Künstler und Forscher werten den Rücktritt als Alarmsignal

Heiko Schwarzburger/Kai Müller

Der Rücktritt von Senatorin Thoben hat Überraschung und Bestürzung ausgelöst. Der Tagesspiegel bat Prominente aus Kultur und Wissenschaft um eine Bewertung.

Ulrich Eckhardt, Intendant der Berliner Festspiele: "Dieser Rücktritt ist ein Blitzschlag, der die Landschaft erhellt. So sehr ich Frau Thobens Mut schätze, ihr Rücktritt muss Konsequenzen haben. Erstens muss über eine Entschuldung des Kultursenats ein sauberer Neustart ermöglicht werden. Zweitens muss angesichts der veränderten Aufgabenstellung als Hauptstadt eine politische Entscheidung über den Anteil des Landeshaushalts am Kulturetat Berlin getroffen werden. Drittens muss die Neuordnung der Kulturlandschaft diskutiert und entschieden werden. Dabei muss unvoreingenommen und rücksichtslos vorgegangen werden, um den Berliner Sumpf trocken zu legen."

Klaus-Dieter Lehmann, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz: "Für mich stellt der Rücktritt einen Verlust dar: Ich werde Frau Thoben vermissen, da unsere Zusammenarbeit höchst konstruktiv war. Sie ist ein realistischer und mutiger Mensch. Diese Eigenschaften sind der Grund für den Entschluss, den sie jetzt gefasst hat. Wenn man ihr auch einiges zubilligen kann, dann ist das am Ende vor allem - Mut auch zu unpopulären Lösungen."

Georg Quander, Intendant der Deutschen Staatsoper Berlin: "Der Rücktritt ist ein Alarmsignal. Die Berliner Politik hat Christa Thoben vor eine unlösbare Aufgabe gestellt, die sie ohne politische Unterstützung nicht bewältigen konnte. Es sollte zu denken geben, dass sie als ausgewiesene Wirtschaftsexpertin kapituliert hat. Es ist nicht das Kartenhaus Radunskis, das hier zusammengefallen ist, sondern das Kartenhaus der Berliner Kulturpolitik, die die nötigen Strukturentscheidungen seit Jahren verschleppt. Deshalb ist die Nachfolgefrage zweitrangig.

Friedrich-Carl Wachs, ehemaliger Geschäftsführer von Studio Babelsberg: "Es ist unglaublich stark von Frau Thoben, dass sie das Rückgrat besaß, nein zu sagen."

Götz Friedrich, Intendant der Deutschen Oper Berlin: "Der Rücktritt hat mich sehr erschreckt. Wenn eine Frau mit soviel wirtschaftlichem Sachverstand aufgibt, müssen die politischen Entscheidungsträger aufhorchen. Selbst ihr Widersacher, Kulturstaatsminister Naumann hat ihr bescheinigt, dass die Berliner Kultur chronisch unterfinanziert ist. Umstrukturierungen sind unter dem Zwang von Einsparungen, die jetzt schon greifen, schlichtweg nicht möglich. Die Frage muss jetzt lauten: Wieviel ist uns die Kultur wert?"

Monika Grütters (CDU), Vorsitzende des Kulturausschusses: "Es hatte für uns schon Hinweise gegeben, dass Christa Thoben einen Rücktritt in Erwägung zieht. Aber akut hatte niemand damit gerechnet. Sie beklagte sich bitter über die begrenzten finanziellen Ressourcen sowie auch über personelle Mängel in der Kulturverwaltung. Trotzdem hätten wir uns mehr Stehvermögen gewünscht. Es bedarf jetzt einer Gesamtanstrengung, auch der Haushälter, für die Berliner Kultur. Bevor die Kulturinstitutionen nicht entschuldet sind, können keine wirklichen Strukturreformen beginnen. Man kann nicht öffentliche Betriebe mit Defiziten in in eine GmbH oder eine Stiftung verwandeln. Ich selbst stehe für die Nachfolge nicht zur Verfügung."

Richard Schröder, Vizepräsident der Humboldt-Universität: "Der Rücktritt ist ein Alarmzeichen. Wenn eine so erfahrene Politikerin hinwirft, steht es um die Berliner Kultur und Wissenschaft offenbar sehr schlecht. Jetzt darf auf keinen Fall der Eindruck entstehen, dass die Kulturszene aus Mitteln für Wissenschaft und Forschung saniert werden kann. Das hatten wir schon einmal, das ist nicht mehr machbar."

Hans-Jürgen Ewers, Präsident der Technischen Universität und Vorsitzender der Hochschulrektorenkonferenz: "Bei den Verhandlungen zum Landeshaushalt für 2000 und 2001 stehen wir ohne starke Stimme da. In Berlin entsteht derzeit eine völlig neue Dienstleistungs- und Wirtschaftsstruktur, die sich auf die Forschung gründet. Da muss man Prioritäten setzen."

Helmut Schmidt, Präsident der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft in Karlshort: "Wir können nicht immer nur sparen, sparen, sparen. Um die Finanzmisere zu lösen, brauchen wir mehr Geld. Nicht auf Dauer, wohl aber, um wichtige Veränderungen auf den Weg zu bringen."

Dieter Lenzen, Vizepräsident der Freien Universität: "Frau Thoben hat unter den gegebenen Umständen das Richtige getan. Allein der Zustand der Berliner Wissenschaft wäre ein Rücktrittsgrund gewesen."

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