Künstler zeichnet Mythen von Berlin : Der Comic zum KaDeWe-Einbruch

Der Blitzeinbruch im KaDeWe vom Wochenende weckt Erinnerungen an einen anderen Coup. Den hat der Zeichner Reinhard Kleist jetzt in einem Comic verarbeitet.

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Das fast perfekte Verbrechen. So hat Reinhard Kleist den Einbruch im KaDeWe von vor fünfeinhalb Jahren in seiner Comicserie „Berliner Mythen“ verarbeitet. 
Das fast perfekte Verbrechen. So hat Reinhard Kleist den Einbruch im KaDeWe von vor fünfeinhalb Jahren in seiner Comicserie...Illustration: KLeist/zitty

Die Diebe wussten genau, was sie wollten. Sie schlugen blitzschnell zu und verschwanden unerkannt. Ihre Beute: wertvolle Uhren und Schmuck. Und die Polizei tappt im Dunkeln, obwohl am Tatort wichtige Beweisstücke zurückblieben. Ein wenig erinnert der Blitzeinbruch im KaDeWe vom Sonntagmorgen an einen spektakulären Einbruch im selben Haus vor gut fünf Jahren. Dessen Geschichte hat der Berliner Comiczeichner Reinhard Kleist kürzlich in einer fünfteiligen Kurzgeschichte aufgearbeitet, die derzeit im Stadtmagazin „Zitty“ erscheint. Dort läuft seit eineinhalb Jahren Kleists Serie „Berliner Mythen“, in der er interessante Ereignisse aus der Stadtgeschichte unterhaltsam aufbereitet.

„Mich interessieren Geschichten, bei denen es nicht nur um Fakten und Orte geht, sondern bei denen es auch interessante handelnde Figuren gibt“, sagt Kleist, Jahrgang 1970, der sich sein Atelier an der Kastanienallee in Prenzlauer Berg mit den Kollegen Mawil, Fil und Naomi Fearn teilt. Diesen „menschlichen Touch“, wie Kleist es nennt, vermitteln in seiner KaDeWe-Geschichte neben zwei realen Figuren auch mehrere fiktive Charaktere. Dem echten Leben abgeschaut sind die beiden Zwillinge aus einer polizeibekannten Großfamilie, von denen den DNA-Spuren am Tatort zufolge zumindest einer am Einbruch beteiligt war. Da ihre DNA-Spuren jedoch identisch sind, ließ sich zumindest bislang nicht belegen, welcher der beiden es war – das Verfahren wurde eingestellt.

Alle zwei Wochen eine neue Folge in der „Zitty“

Für seine Comicerzählung „Das ganz große Ding“ hat der mit mehreren Comic- und Literaturpreisen ausgezeichnete Kleist den beiden Zwillingen einige erfundene Figuren gegenübergestellt, die Leben in die Erzählung bringen. Zum einen den peniblen Kriminalpolizisten, der sich an diesem Fall abarbeitet, dabei fast seine Frau in den Wahnsinn treibt – und am Schluss doch nur hoffen kann, dass bis zur Verjährung des Falles in acht Jahren noch irgendein Wunder geschieht. Zum anderen den türkischstämmigen Taxifahrer Ozan, der bei allen „Berliner Mythen“ als Erzähler und Stadtführer fungiert. Und zum dritten auch noch ein weibliches Zwillingspärchen, das Kleists Geschichte zu einer unerwarteten Pointe verhilft, wie man in einigen Wochen in der „Zitty“ erfahren wird.

Derartige künstlerische Freiheiten erlaubt sich Kleist immer wieder, um reale Geschichten spannender und lebendiger zu machen. So hat er unter anderem die Lebensgeschichten von Johnny Cash („I see Darkness“), Fidel Castro („Castro“) und des Auschwitz-Überlebenden Hertzko Haft („Der Boxer“) zu Comic-Bestsellern gemacht, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden und im frankobelgischen und englischsprachigen Raum besonders erfolgreich sind.

Und so geht er auch bei seiner aktuell in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ erscheinenden Serie „Der Traum von Olympia“ vor, die die Lebensgeschichte der somalischen Sprinterin Samia Yusuf Omar erzählt. Die lief 2008 bei den Olympischen Spielen in Peking – und ertrank 2012 bei einem Fluchtversuch in Richtung Europa. Die Reihe läuft in der „FAZ“ bis November, kommendes Jahr soll sie als Buch erscheinen.

Einmal hat Kleist für die im Zwei-Wochen-Rhythmus fortgesetzten „Berliner Mythen“ auch die Lebensgeschichte einer Tagesspiegel-Mitarbeiterin verarbeitet, die anonym bleiben will. Die wuchs zu DDR-Zeiten in Pankow auf, verliebte sich in einen jungen Mann aus Zehlendorf und flüchtete eines Tages in einem umgebauten Mercedes nach Westen – mit tragischen Folgen für ihre Familie.

Lebenskünstler. Reinhard Kleist verarbeitete auch die Biografien von Fidel Castro und Johnny Cash als Comic.
Lebenskünstler. Reinhard Kleist verarbeitete auch die Biografien von Fidel Castro und Johnny Cash als Comic.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Daneben hat Kleist auch David Bowies Berliner Jahre als Comicepisode umgesetzt und die Geschichte der mörderischen Krankenschwester Elisabeth Kusian aufgearbeitet – letztere mit Hilfe der Rechercheure des Tagesspiegel-Archivs. Seine Ideen entwickelt der Zeichner zusammen mit „Zitty“-Redakteur Lutz Göllner, die Recherche ist dann aber vor allem die Aufgabe des Zeichners. Für die KaDeWe-Geschichte hat Kleist zusätzlich die „B.Z.“-Reporterin Nicole Schulze interviewt, die damals über den Einbruch geschrieben hatte und aus deren Notizbuch manch amüsantes Detail im Comic stammt – so die Einschätzung einer Bekannten der Tatverdächtigen, dass es noch weitere Beteiligte geben müsse, da die beiden Zwillinge „dumm wie drei Meter Feldweg“ seien.

Kleists Lieblingsgeschichte ist eine Posse aus der Mauerzeit. Die spielt in Eiskeller im Ortsteil Hakenfelde, zu Mauerzeiten von der DDR umgeben. Nachdem der zwölfjährige Erwin zu Hause erzählt, wie ihm DDR-Grenzsoldaten den Schulweg versperrt hätten, bekommt er Geleitschutz der britischen Militärregierung – inklusive Spähpanzer. Der Schuljunge wird als Held im Kalten Krieg gefeiert. Doch später stellt sich heraus, das er seine Geschichte frei erfunden hatte.

Wenn der Comicautor genügend „Berliner Mythen“ zusammenhat, soll die Reihe als Buch erscheinen, zusammen mit Hintergrundinformationen und einem Stadtplan, auf dem man die in den Comics erwähnten Orte finden kann. Für künftige Folgen sucht der Zeichner noch weitere Anregungen – siehe unten. Der aktuelle Einbruch im KaDeWe erscheint ihm als Stoff allerdings uninteressant. „Das wäre doppelt gemoppelt“, sagt er. Außerdem gibt es dafür einfach zu viele andere spannende Berlin-Geschichten, die noch erzählt werden müssen.

Eine Auswahl der Berlin-Comics von Reinhard Kleist gibt es hier: www.zitty.de/neue-comicserie-in-der-zitty.html. Wer noch interessante Geschichten für die „Berliner Mythen“ kennt, sende bitte eine E-Mail für den Zeichner an comics@tagesspiegel.de, Stichwort „Berliner Mythen“.

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