Berlin : Künstlerbiotop hat wieder eine Zukunft Haus Schwarzenberg

in Mitte wurde versteigert – und soll ein Kulturzentrum bleiben

Thomas Loy

Es war, als hätte Deutschland gerade die Fußball-WM gewonnen. Im prall gefüllten Saal 3810 des Amtsgerichts Mitte brach begeisterter Jubel aus. Wo sonst bleischwere Akten verlesen werden, wurde geküsst, umarmt oder ganz still triumphiert. Mit dem dritten Hammerschlag der Rechtspflegerin war das Haus Schwarzenberg an der Rosenthaler Straße 39 an die Wohnungsbaugesellschaft Mitte (WBM) und die Lottostiftung verkauft worden – für knapp 2,7 Millionen Euro. Damit sind die alternativen Kulturprojekte, das Kino Central und die Dependance des Jüdischen Museums im letzten unsanierten Haus in der Umgebung der Hackeschen Höfe gesichert.

Der Zuschlag kam überraschend. Noch vor kurzem hieß es, die Lottostiftung könne sich nicht an der Rettungsaktion beteiligen. Doch dann intervenierte Kulturstaatsministerin Christina Weiss. Über die Details bewahren die Beteiligten Stillschweigen. Die landeseigene WBM ließ verlauten: „Wir freuen uns, dass wir mit Unterstützung der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien und der Stiftung Deutsche Klassenlotterie die Möglichkeit hatten, das Haus zu ersteigern und damit die Strukturen im Haus zu erhalten.“

Nun soll das Haus saniert werden. Pläne dafür lägen seit langem in der Schublade, sagt Heinrich Duber, Sprecher des Haus-Vereins. „Es wird eine behutsame Sanierung, nicht so aufgehübscht wie in den Hackeschen Höfen“, erklärt Thomas Heppener vom „Anne-Frank-Zentrum“, einem der Mieter. Dafür müssten nun Geldgeber gefunden werden.

Zur Zwangsversteigerung sind viele Freunde des Hauses Schwarzenberg gekommen. Die drei Bieter – neben der WBM der Hamburger Immobilienentwickler Harm Müller-Spreer und eine gewisse Nicole Schauder-Shani – geben jeweils ein Gebot ab, dann beginnt das große Geduldsspiel. Müller-Spreer hat gleich drei Anwälte ins Rennen geschickt, einer bietet, einer beobachtet und einer protokolliert.

Erst gegen Ablauf der Bieterzeit kommt die Sache in Schwung. Die Gebote liegen bei 2,3 Millionen Euro. Die Anwälte von Schauder-Shani und Müller-Spreer müssen immer wieder raus, um zu telefonieren – beim Reinkommen überbieten sie. Doch die WBM setzt immer noch einen drauf. Müller-Spreer steigt aus. Der Schauder-Shani-Anwalt hebt noch die Finger, doch bei 2,7 Millionen ist auch für ihn Schluss.

Müller-Spreer, der bei einem früheren Versteigerungstermin noch Widerspruch gegen eine Vergabe an die WBM eingelegt hatte, zeigt sich versöhnlich. „Man kann nicht alles haben.“ Ein „Filetstück“, wie oft behauptet, sei die Adresse ohnehin nicht. „Ab 2,5 Millionen Euro Kaufpreis ist das Objekt nicht mehr wirtschaftlich.“

Das Haus Schwarzenberg gehörte dem jüdischen Anwalt Ernst Wachsner, dessen Schicksal ungeklärt ist. Seine Erben erhielten nach der Wende ihr Eigentum zurück. Im Seitenflügel war in den 30er Jahren die Blindenwerkstatt von Otto Weidt, der viele Juden vor der Deportation bewahrte. Heute gehört die Werkstatt zum Jüdischen Museum. Das leer stehende Haus wurde Mitte der 90er Jahre von Künstlergruppen besetzt und gilt neben dem Tacheles als letztes Refugium der Subkultur in Mitte.

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